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Grundeinkommen - bedingungslos?

Autor: Roy Koepsell


Fenja (gerade 31 geworden) träumt davon, einen kleinen Bioladen zu eröffnen - nur frisches Obst und Gemüse, ein paar wohlduftende Kräuter, selbstgemachte Marmeladen. Doch Fenja hat andere Dinge zu tun. Sie sitzt in der Verwaltung einer großen Versicherung. Eine wirklich gut bezahlte Stelle. Nebenbei läuft Helene Fischer, die Kollegin am Nachbartisch wippt geschmeidig im Takt. Doch die Arbeit bereitet Fenja wenig Freude - Frau Meier hat einen Haftpflichtschaden eingereicht, den Fenja mit gewohnter Routine bearbeitet. Ihr Chef fragt sie derweil, wann die Statistik über die aktuellen Vertriebszahlen fertig ist. Fenja nickt freundlich, morgen Mittag wird sie die Liste termingerecht abgeben. Fenja funktioniert, wie Millionen Deutsche mit ihr.

Aber was wäre, wenn jeder Mensch in Deutschland ein monatliches Einkommen bekäme - für lau, ohne auch nur einen Schritt dafür tun zu müssen? Und dann gäbe es ein nettes Mädel, das einen kleinen Bioladen eröffnen würde: Fenja. Dieses innovative Modell des Sozialstaates bekäme auch einen Namen: bedingungsloses Grundeinkommen. „Nicht finanzierbar“, kreischt es sofort aus allen Ecken. „Die Faulheit der Leute auch noch unterstützen, niemals!“, faucht ein anderer. Aber was, wenn ein sicheres Grundeinkommen endlich die Potentiale der Menschen fördert, ihren Ideen Schub gibt, sie kreativ gestalten lässt? Vielleicht ist es Zeit für eine Revolution, denn die Digitalisierung wird Arbeitsplätze überflüssig machen. Auch Fenjas Stelle gibt es vielleicht schon bald nicht mehr, ein Computer übernimmt dann ihre Arbeit mit gradliniger Perfektion. Unsere Gesellschaft wird sich verändern, das ist sicher. Veränderungen sind übrigens kein böser Hurrikan, der alles vernichtet. Vielmehr bieten sie die Chance, alten Denkmustern frischen Seewind zuzufächeln.

Dass ein bedingungsloses Grundeinkommen viel Geld kostet, leuchtet auf Anhieb ein. Bei rund 81 Millionen Menschen in Deutschland beispielsweise 972 Milliarden Euro - wenn jeder Bürger 1000,00 Euro monatlich zur freien Verfügung bekäme. Fakt ist aber: die Sozialausgaben steigen in unserem Land sowieso stetig an. Im Jahr 2016 wurden knapp 900 Milliarden Euro ausgegeben, Renten- und Krankenversicherungen inkludiert. Das Geld ist also bereits vorhanden, warum nicht was Sinnvolles damit anstellen? Außerdem würde auch niemand gezwungen werden, die 1000,00 Euro wirklich anzunehmen. Helene Fischer könnte sagen: „Lasst mal, ich hab’ genug Kohle. Und außerdem macht mir das Singen Spaß!“. So würde sie es mit Sicherheit nicht ausdrücken, aber ihr wisst hoffentlich was ich meine. Zusätzlich ließe sich unser Einkommenssteuersystem radikal vereinfachen. Auch eine Art Konsumsteuer ist denkbar, die dann vor allem für sinnfreie Luxusgüter fällig wäre. Lebensmittel blieben niedrig besteuert, für teure Uhren aus der Schweiz kommt ein Obolus obendrauf. Alles nichts Neues, Skandinavien macht es uns vor. Und ich bin mir sicher, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen auch neue Jobs schafft, wenn jeder von uns sein volles Potential nutzen kann. Begeisterte, engagierte Selbstständige tun unserem Land mit Sicherheit gut. Mit coolen Innovationen im Gepäck, spült dies frisches Geld in die Sozialkassen. Aber selbst wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen im Dunst der Tagespolitik aktuell wenig realistisch erscheint - die Frage danach, wie wir den Menschen in zwanzig Jahren ausreichend Arbeitsplätze beschaffen, die bleibt.

In Finnland wird seit Anfang des Jahres ein bedingungsloses Grundeinkommen getestet - 560,00 Euro monatlich bekommt jeder Teilnehmer. Dieses Geld muss nicht versteuert werden, zudem kann man ohne finanzielle Nachteile etwas dazuverdienen. Auf zwei Jahre angesetzt, wird dieser Versuch interessante gesellschaftliche Erkenntnisse aufzeigen - was machen die Menschen mit der gewonnenen Zeit und dem finanziellen Spielraum? Wie viele von ihnen entwickeln sich persönlich weiter? Steigt sogar die Produktivität des Einzelnen? Ich bin der Überzeugung, dass wirtschaftliches Wachstum zukünftig nicht dadurch generiert wird, Menschen immer weiter auszubeuten. Oder ihnen Angst einzujagen - beispielsweise damit, dass jedem die Kündigung droht, der aus der Marionettenreihe tanzt. Nein, Wachstum ergibt sich von alleine, sobald Menschen das tun können, was sie glücklich macht. Endlich der persönlichen Bestimmung folgen, Arbeit als Freude und Passion empfinden und das eigene Schaffen steigern - nicht mit Druck, sondern durch persönlicher Freiheit. Das macht das Menschsein aus. Haben Menschen nicht tief in ihrem Innern den Antrieb verankert, stets wachsen zu wollen? Warum also das Korsett so eng schnallen, dass das Atmen schwer fällt?

Ich finde es sinnvoll, unseren Denkhorizont zu erweitern und angestaubte Ideale abzulegen. Dass uns unser Rentensystem allmählich um die Ohren fliegt, ist bekannt. Dass ganze Berufsbereiche aussterben werden, weil dich dein Taxi bald völlig autonom von Potsdam nach Berlin bringt, ist auch kein Geheimnis. Deshalb ist es Zeit für neue Ideen. Wenig hilfreich ist dabei, jede andersartige Idee als utopische Spinnerei abzutun, wie es vielfach getan wird. Durch diese Art von Diffamierung verhungert der rechte politische Rand nicht. Die Raubtierfütterung beginnt dann erst. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen kann jeder selbst entscheiden, ob er sich sozial, ehrenamtlich oder familiär einbringen möchte. Wer einen DAX-Konzern lenken und leiten möchte, kann dies auch weiterhin tun. Und Fenja eröffnet dann ihren kleinen Laden - „Fenjas feine Bio-Einkaufsstube“. Heile Welt, wo bist du nur?

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