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„Fair gehandelt ist ein Qualitätsmerkmal"

Martin Weber, Geschäftsführer des Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein, spricht vor Publikum © Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e. V.
© Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e. V.
Aktualisiert: Von Sonja Hermann

Martin Weber führt die Geschäfte des Bündnis Eine Welt (BEI), des Dachverbands von 106 entwicklungspolitischen Vereinen und Initiativen in Schleswig-Holstein. Seit 1997 arbeitet er dort. Im September richtet der Verband den bundesweiten Bildungs-Kongress WeltWeitWissen in Lübeck aus, zum ersten Mal in Schleswig-Holstein. Ein Gespräch über Weltläden, deren Belegschaft älter wird, über Siegel, die etwas beweisen müssen, und darüber, was sich in einer Stadt ändert, die anders einkauft.

Kurz gefasst

  • Das Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e. V. (BEI) vertritt als Dachverband die entwicklungspolitischen Organisationen im Land. Martin Weber führt mit Katrin Kolbe die Geschäfte des Netzwerkes.

  • Über das Programm Bildung trifft Entwicklung Schleswig-Holstein kommt das BEI auf rund 600 Bildungsveranstaltungen im Jahr.

  • Mehr als 940 Kommunen in Deutschland tragen den Titel Fairtrade-Town, rund 35 davon in Schleswig-Holstein. (Stand: September 2026)

  • Ab dem 27. September 2026 gilt die EU-Richtlinie 2024/825 (EmpCo): Wer mit Nachhaltigkeit wirbt oder ein Siegel zeigt, muss es dann belegen können.

  • Vom 14. bis 16. September 2026 richtet das BEI den bundesweiten Kongress WeltWeitWissen in den Media Docks in Lübeck aus. Motto: „Leben am Meer, global und lokal".


Bündnis Eine Welt: „Wir sind das Dach für 106 Vereine, Initiativen und Gruppen"

Herr Weber, wenn Sie jemandem erklären, was das Bündnis Eine Welt tut: Womit fangen Sie an?

Wir sind der entwicklungspolitische Dachverband für 106 Vereine, Initiativen und Gruppen in Schleswig-Holstein, die alle im weitesten Sinne entwicklungspolitisch tätig sind. Für diese verbessern wir Rahmenbedingungen, bieten Beratung und Fortbildungen, schaffen Zusammenhänge und vertreten ihre Positionen.

Was wir thematisch tun, ergibt sich aus dem, was unsere Mitglieder bewegt. Der erste Schwerpunkt ist das, was wir heute zukunftsfähiges Wirtschaften nennen, da steckt klassisch der faire Handel drin, zudem nachhaltige Beschaffung, Unternehmensverantwortung und nachhaltiger Tourismus. Der zweite ist Globales Lernen/Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Mit dem Programm Bildung trifft Entwicklung bieten wir mit 30 bis 40 Referentinnen und Referenten jährlich rund 600 Veranstaltungen im Land an. Zudem versuchen wir Globales Lernen mit Museen in die Museumspädagogik zu integrieren. Der dritte Bereich umfasst globale Partnerschaften, in denen die meisten unserer Mitglieder zu verorten sind. Zwei Drittel von ihnen haben Kontakte in Regionen dieser Welt, und wir versuchen, die Schätze, die sie haben, zu heben und Geschichten daraus zu erzählen, mit denen wir unser eher abstraktes Thema Globale Gerechtigkeit unterfüttern können.

Das ist ein weites Feld. Wie hält man das alles zusammen?

Einerseits sind wir dadurch an viele Themen in Schleswig-Holstein anschlussfähig, andererseits müssen wir immer wieder schauen, wie wir das eigentlich zusammenbekommen. Wir sind eine atmende Organisation mit ungefähr 18 bis 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das sind weitgehend Teilzeitstellen. 

Dazu kommt: Wir leben nicht in einem kontextfreien Raum: die Agenda 21 von 1992, die Millenniumsziele ab 2000 und seit 2015 die SDGs. Daran richten wir unsere Themen aus, damit wir gesellschaftspolitisch im Gespräch bleiben.


In eigener Sache: der Kongress WeltWeitWissen 2026 in Lübeck

Vom 14. bis 16. September 2026 richtet das BEI den bundesweiten Kongress WeltWeitWissen in den Media Docks in Lübeck aus. Der Kongress wandert seit 2005 alle zwei Jahre in ein anderes Bundesland. In Schleswig-Holstein macht er zum ersten Mal Station.

Das Motto lautet „Leben am Meer, global und lokal". Drei Themen bestimmen das Programm: Sicherheit und Resilienz im maritimen Raum, Klima- und Meeresschutz und Globales Lernen in Zeiten politischer Umbrüche. Drei Tage lang treffen sich in Lübeck Menschen aus Schule und Bildungsarbeit, aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Vereinen. Auf dem Programm stehen Vorträge, Workshops, Exkursionen und Podien, dazu ein Bildungsmarkt, auf dem Projekte ihre Arbeit zeigen.

Die Schirmherrschaft haben Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan, Ministerpräsident Daniel Günther, Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau und Nora Steen, Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein der Nordkirche, übernommen. Programm, Anfahrt und Tickets stehen auf der Kongressseite des BEI.

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Fairer Handel im Supermarkt: „Eine Alternative, die im Discounter angekommen ist"

Was kommt in der öffentlichen Debatte über fairen Handel zu kurz?

Da ist immer die Frage: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Für mich ist es eher halb voll. Wir haben mit fairen Produkten nicht die großen Marktanteile, das ist klar. Aber wir haben über die Jahre erreicht, dass wir zumindest eine glaubwürdige Alternative sind, die in den Discountern und u.a. im Tourismus auch tatsächlich angekommen ist.

Die Weltläden sind in ihrer Authentizität sehr wichtig, aber Konsumentinnen und Konsumenten treffen faire Produkte beispielsweise bei Edeka, Famila, Lidl und Aldi, teilweise sogar unter deren Eigenmarken. Wir sind durchaus auch überrascht, wo faire Produkte zu finden sind: In der Bahn wird seit vielen Jahren fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt, das ist einfach selbstverständlich geworden. Und wenn Menschen touristisch unterwegs sind, werden sie an Orten, wo man damit nicht rechnet, mit fairen Produkten bedient.

Bezüglich des fairen Handels ergibt sich eine gute Arbeitsteilung: Weltläden können sich auf den Vertrieb vor Ort und lokale Bildungsarbeit konzentrieren und wir als Dachverband auf die strukturelle Weiterentwicklung und Vernetzung der Akteure.


Weltläden: „Eine Boutique, in der man Geschichten erzählt bekommt"

Und wie steht der Weltladen heute da?

Ich persönlich sehe den Charakter eines Weltladens eher wie den einer Boutique, das wird in der Szene eher nicht geteilt. Leute gehen dort hinein, wollen in einer angenehmen Atmosphäre Produkte anschauen und ggf. kaufen, zu denen ihnen auch eine Geschichte erzählt wird. Dafür sind sie bereit, etwas mehr zu bezahlen.

Weltläden sind allerdings auch eine Zeiterscheinung: In vielen Fällen wird die Belegschaft einfach älter und älter. Machen wir so weiter? Machen wir auf einer ganz anderen Ebene weiter? Da ist und wird man nicht zu einer allgemeinen Lösung kommen. Der faire Handel wird in den nächsten Jahren, was die Weltläden angeht, entweder neue Konzepte entwickeln oder die Läden schließen einfach aus Altersgründen. 


Beratung im Weltladen: „Ich wünschte mir, dass mir jemand erzählt, wo das herkommt"

Viele kennen Weltläden, die wenigsten waren je in einem. Was findet man dort, was im Supermarktregal fehlt?

Ich wünschte mir, und ich sehe es im Weltladen nicht immer realisiert, dass mir zu den Produkten, die da stehen, der Mann oder die Frau erzählen kann, woher das kommt, unter welchen Bedingungen die Kooperative lebt und die Lebensmittel produziert und wie es eigentlich hierher nach Bargteheide oder Kiel oder Eckernförde gekommen ist.

Bei einer Boutique ist es ja auch so: Ich kaufe Kleidung und zahle ein paar Euro mehr, wenn mir dabei etwas geboten wird. Wo kommt das her, was ist das Besondere daran? Genau das bekomme ich im Discounter nicht. Da sehe ich ein Preisschild, vielleicht noch die Herkunft, aber weitere Informationen bekomme ich nicht. Da sollte der Mehrwert liegen.

Der Weltladen war vom Konzept her in den 70ern etwas Exklusives, weil dort eine ganz bestimmte Zielgruppe hingegangen ist. In die Weltläden, die sich in den letzten 25 Jahren geöffnet haben, kommen inzwischen auch ganz andere Menschen. Der klassische Weltladen der ersten Jahre, also Anfang der Siebziger, war - selbstkritisch gesehen - eher dunkel, total vollgestellt und hatte kaum Serviceleistung. Von ihrem Dachverband und der Konkurrenz im Einzelhandel haben die Läden gelernt: hell, nicht zu voll gestellt, qualifiziertes und freundliches Personal. Eine unserer Mitgliedsgruppen, Mobile Bildung, berät dazu den fairen Handel in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. 

Zählt also die Geschichte mehr als ein großes Sortiment?

Ich denke ja. Zudem gibt es auch schwierige Produkte, mit denen ein kleiner Weltladen überfordert ist: Kleidung. Wenn Sie und ich in ein Geschäft gehen und eine Hose kaufen wollen, dann wollen wir sie anprobieren, und sie sollte in unserer Größe vorrätig sein. Das ist aber nur bedingt möglich. Alle Größen jederzeit vorzuhalten, gerade im Textilbereich, ist total schwierig. 

Anders ist es bei Produkten, die im Weltladen sogar konkurrenzlos günstig sind.

Zum Beispiel?

Musikinstrumente. Und Kunsthandwerk.


Siegel und neue EU-Regeln: „Wenn wir etwas behaupten, müssen wir es auch belegen können"

Kaffee, Tee, Schokolade und Gewürze landen mit dem Fairtrade-Logo längst im normalen Einzelhandel, daneben werben etliche weitere Siegel um Vertrauen. Sind das zu viele?

Das ist ein wichtiges Thema. Wir hatten im Jahr 2006 geglaubt, dass wir mit dem Fairtrade-Siegel ein Siegel bekommen, das für alle Produkte nutzbar sein wird. Denn in anderen Lebensmittelbereichen gibt es Dutzende von Logos, und die Glaubwürdigkeit steigt nicht unbedingt dadurch, dass man noch eines dazu erfindet.

Es hat sich dann anders entwickelt. Das Fairtrade-Siegel, das damals TransFair entwickelt hat und das heute Fairtrade Deutschland heißt, wurde für kleine Kooperativen zu teuer. Sie haben gesagt: Wir steigen aus, wir sind ohnehin fairer als das Siegel. Andere Unternehmen haben ihre eigenen fairen Marken entwickelt.

Ende September greift die EU-Richtlinie 2024/825, kurz EmpCo. Wer mit Nachhaltigkeit wirbt oder ein Siegel zeigt, muss es dann belegen. Was bedeutet das für den fairen Handel?

Wenn jemand Begriffe nutzt, dann soll er sie auch belegen. Die Frage der Belegbarkeit ist immer eine sehr sensible.

Ich mache einen kleinen Vergleich mit der Datenschutzgrundverordnung. Sie hatte im Kern etwas richtig Gutes, aber sie wurde bis zum kleinsten Verein gleich durchgestochen. Und der kleinste Verein hat natürlich kaum Möglichkeiten, dem gerecht zu werden, anders als ein Unternehmen mit einer eigenen Rechtsabteilung. Da muss immer ein guter Kompromiss gefunden werden.

Aber grundsätzlich ist es logisch: Wenn wir Dinge behaupten, dann müssen wir auch belegen können, wie es tatsächlich läuft. Der Weltladendachverband hat seinen Mitgliedern Handlungsempfehlungen mitgegeben, welches Logo sie weiterhin verwenden können und welches schwierig ist. Ich finde das gar nicht schlimm, denn am Ende ist es Verbraucherschutz.


Faire Beschaffung in Kommunen: „Wo Erfolge sind, bekommt man auch Gegenwind"

Kommunen kaufen für Milliarden ein, von der Arbeitskleidung bis zu den Pflastersteinen. Was ändert sich in einer Stadt, die fair einkauft?

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Vernetzung von Akteuren: Wir bringen Kampagnen wie die Fairtrade-Towns voran und halten sie in Bewegung: also Städte und Gemeinden, die sich verpflichten, fair gehandelte Produkte einzusetzen und dafür zu werben. Die haben auch nur dann eine Durchschlagskraft, wenn es viele sind. In Schleswig-Holstein haben wir momentan um die 34, 35 Fairtrade-Towns. Das hört sich bei ca. 1.100 Kommunen relativ wenig an. Aber wenn man schaut, wie viele Menschen aus Schleswig-Holstein sich darin abbilden, ist es tatsächlich eine Mehrheit. 

Wir wissen aber auch beide, dass die Hürden für diese Zertifizierung relativ gering sind. Die Wirkung ist aber trotzdem da. Das Zertifikat ist an eine Steuerungsgruppe mit heterogenen Akteuren gebunden, die zusammenarbeiten müssen. Auch wenn die Hürde leicht zu erfüllen ist, kann man als lokaler Akteur ganz andere Themen damit bespielen. Sobald punktuell mit fair gehandelten oder nachhaltigen Produkten agiert wird, stellen sich neue Fragen: Was bedeutet das eigentlich noch? Wo handle ich als Kommune unfair? Wo bekomme ich denn u.a. meine Pflastersteine her? Was gibt es für Alternativen?

Wir haben Mitte 2025 ein Projekt zu nachhaltigem Merchandising im lokalen Stadt- und Tourismusmarketing aufgelegt. Beim Stadtmarketing liegen immer irgendwelche Produkte herum, Plüschtiere, Wale, Leuchttürme etc., mit denen man die Stadt identifiziert, die aber zum großen Teil aus einer Produktion stammen, bei der man nicht weiß, woher sie kommen. Da sagen wir: Es geht aber auch anders. Wir haben Design-Thinking-Workshops mit Kommunen durchgeführt, aus denen nachhaltige lokale Marketingprodukte entstehen werden. 

Gibt es Kommunen, die schon weiter sind?

Bei einem Zertifikat gibt es immer die Gefahr von Trittbrettfahrern, die sagen: Okay, jetzt bin ich zertifiziert, das kann ich mir irgendwo hinhängen. Aber es gibt genug Kommunen, die seit Langem sehr weit sind und sehr klug überlegen, was sie wie machen. Norderstedt zum Beispiel. Der Leiter der Stabsstelle nachhaltiges Norderstedt erklärt jedem, der es hören will, dass es kurz- und mittelfristig die wirtschaftlich günstigere Variante ist, auf Nachhaltigkeit zu setzen. Neben den Fairtrade-Towns gibt es noch andere Formate, etwa Global Nachhaltige Kommune, bei dem 20 bis 25 Städte und Gemeinden in Schleswig-Holstein dabei sind. Kommunen sind deshalb besonders interessant, weil sie mit globalen Herausforderungen lokal akut konfrontiert sind. Wenn der Klimawandel dazu führt, dass es in Städten immer heißer wird, dann wird die Kommune reagieren.

Insgesamt hat das - wie wir alle wissen - in den letzten Jahren auch Gegenwinde erzeugt. Wo Erfolge sind, bekommt man auch Gegenwind. Der Begriff Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren ein bisschen aus der ersten Liga herausgerutscht.

Umso mehr müssen wir noch konkreter werden: Wenn wir unser Land wirklich zukunftsfähig gestalten wollen, dann müssen alle Kosten des Produktes in den Preis einberechnet werden. Und dann rechnet es sich nur noch nachhaltig.


Preis und Qualität: „Wenn der Kaffee nicht schmeckt, dann fällt er raus"

Fairer Handel gilt manchen als teuer und ein bisschen elitär. Was entgegnen Sie?

Menschen sind ja unterschiedlich. Das Label fair gehandelt ist ein Qualitätsmerkmal. Wenn der Kaffee aber nicht schmeckt, dann ist er auch, wenn er fair gehandelt ist, wenig verkäuflich. Es ist eben ein Merkmal unter mehreren, und es geht darum, Konsumentinnen und Konsumenten zu vermitteln, dass fairer Handel ein Qualitätsmerkmal unter vielen anderen ist. Für uns ist es eine wesentliche Frage: Wie ist etwas produziert, wie ist es hierhergekommen, ist es bio oder nicht?

Und natürlich wäre es für uns als Konsumentinnen und Konsumenten schön, wenn die Produkte, die nicht nachhaltig sind, die Kosten des ganzen Stoffkreislaufs ausweisen müssten. 

Das ist in der ganzen Diskussion über das Lieferkettengesetz immer noch der Punkt: Unternehmerinnen und Unternehmer, die Wert auf alle Qualitätsmerkmale legen, geraten durch die derzeitige Politik des Bundeswirtschaftsministeriums in einen Wettbewerbsnachteil. Es muss Anreize geben, und wenn die Anreize tendenziell wieder abgewickelt werden, ist das negativ. Wenn wir über Nachhaltigkeit im weiten Sinne sprechen, dann muss es für Unternehmen ein Wettbewerbsvorteil sein, so zu agieren, und für Konsumentinnen und Konsumenten muss das Produkt besser erwerbbar sein. Eine nachhaltige Transformation ohne Anreize ist nicht gestaltbar.


Fair einkaufen: „mit diesem Ball kann man die Welt erklären"

Was wäre der einfachste erste Schritt für jemanden, der fairer einkaufen möchte?

Es gibt die klassischen Produkte: Kaffee, Tee, Schokolade, Lebensmittel etc. Die fair gehandelte Produktpalette hat sich mit den Jahren sehr erweitert. Menschen machen den ersten Schritt, wo ihre Leidenschaften liegen.

Bei Kindern beispielsweise weckt alles Neugierde, was sich bewegt, und vieles, was rollt, hat mit Teamsportarten zu tun. Im Teamsport spielt der Begriff fair eine große Rolle. Der Ball bewegt sich, und mit diesem Ball kann man die Welt erklären. Und zwar nicht abstrakt: Kinder und Jugendliche verstehen etwas davon, weil fair für sie ein Begriff mit hohem Stellenwert ist.

Der faire Ball ist inzwischen auch in Kommunen salonfähig. Ich kann einen Ball als Präsent mitnehmen, und er wird angenommen. Ein etabliertes, gutes Produkt. Ich glaube, die nachhaltige Produktwelt sollte genau diese Produkte in den Vordergrund stellen, die einen allgemein anerkannten Stellenwert haben.

Fußbälle gibt es tatsächlich mit Fairtrade-Logo, und oft ist das Markenprodukt sogar teurer als das faire.


Digitale Souveränität: „Sie haben es wirklich durchgezogen"

Zum Schluss: Was hat Sie in Ihrer Arbeit zuletzt überrascht?

Die Intensität, mit der Schleswig-Holstein sich von Microsoft und anderen Tech-Giganten löst. Wir hatten Anfang September eine Arbeitskonferenz der fünf norddeutschen Bundesländer und der Landesnetzwerke zu den SDGs, und da wurde deutlich: Das Land hat das im letzten Koalitionsvertrag nicht nur niedergeschrieben, es tut es auch, gegen alle Widerstände in den Verwaltungen. So ein Umstöpseln auf Open Source und Linux ist ein gigantisches Unterfangen.

Überrascht hat mich nicht die Entscheidung, sondern dass sie es wirklich umgesetzt haben und immer noch umsetzen. Das ist ein positives Beispiel dafür, wie Politik funktionieren könnte. Momentan läuft es ja eher so: Politik entscheidet etwas und schreibt Gesetzesentwürfe. Dann schreien Verbände und Lobbyvertretungen - in einigen Bereichen auch zu Recht - und die Politik reagiert mit einem “es sei so gar nicht gemeint gewesen” und lässt es wieder.

Digitale Souveränität also.

Das hat natürlich auch noch andere Seiten. Es stellt sich immer auch die Frage, wo eigentlich die Rohstoffe und seltenen Erden herkommen und wie sie abgebaut werden. Aber auch diese Herausforderungen hat die Landesregierung im Blick.

Herr Weber, vielen Dank für das Gespräch.


Häufige Fragen zum fairen Handel in Schleswig-Holstein

Was ist ein Weltladen?

Ein Weltladen ist ein Fachgeschäft für fair gehandelte Produkte, meist getragen von einem Verein oder einer ehrenamtlichen Gruppe. Neben Kaffee, Tee, Schokolade und Gewürzen führen viele Weltläden Kunsthandwerk, Textilien und Musikinstrumente. Der Unterschied zum Supermarktregal liegt weniger im Sortiment als in der Beratung: Im Weltladen soll das Personal erklären können, aus welcher Kooperative ein Produkt stammt und unter welchen Bedingungen es entstanden ist. In Schleswig-Holstein sind zahlreiche Weltläden über das Bündnis Eine Welt vernetzt.

Wie wird eine Stadt zur Fairtrade-Town?

Den Titel vergibt die Kampagne Fairtrade-Towns an Kommunen, die fünf Kriterien erfüllen. Der Rat muss einen Beschluss fassen. Vor Ort muss sich eine Steuerungsgruppe bilden. Eine bestimmte Zahl von Geschäften und Gastbetrieben muss fair gehandelte Produkte führen. Schulen, Kirchengemeinden oder Vereine müssen mitziehen. Und die Kommune muss lokal darüber berichten. Den Titel muss sie regelmäßig erneuern. Bundesweit tragen ihn mehr als 940 Kommunen, in Schleswig-Holstein rund 35. (Stand: September 2026)

Was ändert sich Ende September 2026 für Werbung mit Nachhaltigkeit?

Ab dem 27. September 2026 gilt die EU-Richtlinie 2024/825, die sogenannte EmpCo-Richtlinie. Mit allgemeinen Umweltaussagen wie „klimaneutral" oder „umweltfreundlich" darf dann nur noch werben, wer sie belegen kann. Ein Nachhaltigkeitssiegel darf nur noch zeigen, wer ein zertifiziertes System oder eine behördliche Grundlage dahinter hat. Für den fairen Handel bedeutet das vor allem: Wer sich auf Standards beruft, muss sie belegen können.

Wo werden faire Fußbälle produziert?

Zentrum der weltweiten Fußballproduktion ist die pakistanische Stadt Sialkot. Nach Angaben des Factsheets „Fußbälle aus fairem Handel" stammen von dort nahezu drei Viertel aller weltweit angebotenen Bälle, jährlich 40 bis 60 Millionen Stück. Fair zertifiziert ist davon nur ein Bruchteil, und innerhalb dieses kleinen Segments liegt der pakistanische Anteil noch einmal deutlich höher. Faire Bälle unterscheiden sich in zwei Punkten vom konventionellen Ball: Die Hersteller müssen verbindliche Sozialstandards einhalten, und sie zahlen eine Fairtrade-Prämie, die den Beschäftigten und ihren Gemeinden zugutekommt.


Zur Person

Martin Weber führt die Geschäfte des Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e. V. (BEI), seit 2025 mit seiner Kollegin Katrin Kolbe. Zusammen koordinieren sie das Eine-Welt-Landesnetzwerk. Er arbeitet seit 1997 für den Verband. Das BEI vertritt als Dachverband die entwicklungspolitischen Vereine, Initiativen und Gruppen in Schleswig-Holstein. In den letzten 16 Jahren war er Vorstandsmitglied und in den letzten 4 Jahren Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt Landesnetzwerke in Deutschland. Im September 2026 richtet der Verband den bundesweiten Kongress WeltWeitWissen in Lübeck aus.

Martin Weber, BEI Schleswig-Holstein.
Martin Weber, Geschäftsführer des Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e. V. (BEI)

Alle im Gespräch genannten Zahlen und Angaben: Stand September 2026.

Quellen und Hintergrund