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Alle reden über: Grundeinkommen Der Gründer von mein Grundeinkommen im großen greenya-Interview


“Das Grundeinkommen bringt mich in die komfortable Situation,

in radikalster Form über die Schönheit der Zukunft nachdenken zu können.”

 

Michael Bohmeyer, Gründer von mein Grundeinkommen schaut täglich in lächelnde Gesichter. Dankesgrüße, Schokopralinen und exotischen Tee senden Menschen ihm ins Büro. Es sind die Gewinner eines bedingungslosen Grundeinkommens. Menschen, die Freiheit und Produktivität ganz neu für sich entdecken dürfen.
Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens fasziniert die Geschäftsleitung von greenya und mich seit Jahren. 
Bei der Initiative mein Grundeinkommen kann sich jeder bewerben. Die Grundeinkommen werden über Crowdfunding, also über Spenden finanziert und dann verlost. 
Im Rahmen meines Redaktionspraktikums bei greenya hatte ich die Möglichkeit Michael Bohmeyer kennen zu lernen. In einem lichtdurchfluteten Büro im Industriegebiet von Berlin Kreuzberg stellte ich ihm bei einer Tasse Bio Kaffee einige Fragen, die uns schon eine ganze Weile auf der Seele brannten:

Charlotte Meyerhoff/greenya: Lieber Michael, bei der Vielfalt an Projekten für die du brennst; wie sieht ein Tag bei dir aus? 
Michael Bohmeyer: Ich stehe um 5 Uhr auf, mache eine Stunde Yoga, dann trinke ich einen Smoothie ... Ach Quatsch! Ich bin der totale Faulenzer. (lacht) Ich bin ein bisschen erwachsener geworden und etwas entspannter als in den ersten 2 Jahren, schlafe gut und mache keine Termine vor 10 Uhr! Ich habe jetzt ein gutes Team und kann einiges abgeben. Also: Jeder Tag sieht anders aus. Interviews und Auftritte, und 4 Tage die Woche bin ich im Büro.‎

Im Juli diesen Jahres beschrieb die Süddeutsche deine Geschichte als eine Erfolgsgeschichte. Siehst du das auch so?
Ja total! (lacht) Ich hatte ja nie ein Ziel, deswegen war es auch leicht Erfolg zu haben. Ich habe nichts an dem ich mich messen muss. Den Erfolg sehe ich darin, dass eine riesengroße Debatte entstanden ist. Tausend Mal größer als jemals geplant.

‎Hast du dir ausmalen können, dass deine Idee, das bedingugslose Grundeinkomen (BGE) in unserer Gesellschaft ins Gespräch zu bringen, so große Wellen schlägt?
Nein, meine Hoffnung war, die ersten 12.000 Euro zusammen zu bekommen, um ein Grundeinkommen für ein Jahr finanzieren zu können und jetzt haben wir das Ganze schon über 100 mal gemacht und es wächst und wächst. Dass wahnsinnig viele Menschen davon begeistert sind und so schöne Geschichten entstanden, das fühlt sich total toll und avantgarde an und ist mega aufregend! ‎Ich habe einfach sehr viel gelernt. Alles was ich bin, bin ich durch dieses Projekt. Vor ein paar Jahren war ich noch so dumm … und jetzt ... (denkt nach) ich meine, darum geht es ja: um persönliches Wachstum, also ja: ein großer Erfolg! Ganz nebenbei hat mein Grundeinkommen auch 20 Menschen einen Arbeitsplatz ermöglicht und 100 Menschen Existenzangst genommen. Das ist einfach total berührend.

Gibt es auch mal Kritiker? Und wenn ja: wie trittst du denen entgegen?
Also die Leute, die es richtig doof finden, die melden sich irgendwie nie bei mir. Vielleicht hat man uns auch einfach nicht ernst genommen, das ist ja auch okay, aber ich glaube, es liegt auch ein bisschen daran, dass ich nicht sage:” Grundeinkommen ist die beste Lösung und wir müssen das machen”, sondern ich selbst habe davon profitieren können, es war gut für mich und dann habe ich gesagt: “hey lasst uns das Mal ausprobieren, ich schenke euch Geld!” Also was soll man da kritisieren?
Auch in Bezug auf die gesellschaftliche Debatte kann und will ich niemanden vom Grundeinkommen überzeugen. Ich glaube, man muss es erfahren, durchdenken und fast jeder, der sich länger mit dem Grundeinkommen beschäftigt, positioniert sich dafür, weil es eben sinnvoll ist. Es handelt sich um einen radikal gewaltfreien Ansatz, der ganz neu und deshalb so erfolgreich ist. Das Grundeinkommen bringt mich in die komfortable Situation, in radikalster Form über die Schönheit der Zukunft nachdenken zu können, und dafür kaum kritisiert zu werden.

Sind euch auch Menschen begegnet, die anstatt in Aktion zu treten, in Passivität verweilten, wenn sie das Grundeinkommen gewonnen haben?
Es gibt einige, bei denen ist alles gleich geblieben. Einer hat berichtet dass er das Geld einfach gespart hat. Es ist ja auch absolut okay wenn die Menschen einfach nur weniger Existenzangst haben. Tatsächlich ist es so, dass die meisten richtig aktiv werden - das hätte ich wirklich nicht gedacht.

Aktiv in welchem Rahmen?
Naja, einige haben weniger Stress durch weniger Geldsorgen und können sich in ihrer Arbeit besser entfalten und sind dadurch auch produktiver.
Ich dachte, es würde bestimmt 5 Jahre dauern, bis ein Mensch mit Grundeinkommen irgendwann mal ins Handeln kommt. Unsere Erfahrung aber zeigt, fast alle Gewinner kommen nach 3-4 Monaten richtig in Action - als hätte alles nur darauf gewartet, dass die Kraft entfesselt wird.

Diese Erkenntnis kann euch ja nur in eurem Tun bestärken, oder?
Ja, aber neben den “happy go lucky” Geschichten wäre es für mich auch vollkommen okay, wenn die Leute sagen würden, dass sie keinen Bock mehr haben zu arbeiten. ‎Ich will ja nicht nur hören, dass das Grundeinkommen geil ist, ich möchte herausfinden was generell passiert.

Gibt es andere Themen in deinem Alltag, die dich beschäftigen, oder hast du dich voll und ganz dem BGE gewidmet?
Halb gegruselt und halb fasziniert beschäftigt mich die unfassbar große Revolution der Digitalisierung und was diese mit dem Menschsein, dem Humanismus, Liberalismus und dem Individualismus macht.
Mich interessiert politische Theorie und die Psychologie die in der Politik steckt: warum handeln Menschen so wie sie handeln? Ich denke, dass jedes Handeln politisch ist.

Was können wir als Bürger dieses Landes tun, um den Prozess des Grundeinkommens voran zu bringen?
Mit euren Familien und Freunden darüber sprechen und die einfache Frage stellen: Was würdest du tun, wenn du 1000 Euro monatlich bekommen würdest?

Was macht das BGE so besonders?
Es vereint die politische Frage "wie wollen wir leben" mit einer konkreten Idee. Es geht um Arbeit, um Gerechtigkeit, um Freizeit und um Macht. Vielleicht ist das BGE deshalb so beliebt, weil es eine große Projektionsfläche bietet. 

Ich kann mir vorstellen dass viele Menschen einer Arbeit nachgehen, die sie moralisch und ethisch für fragwürdig halten und sich denken: Eigentlich könnte ich mit einem Grundeinkommen 1000 Euro bekommen, ohne etwas dafür zu tun. Löst das Unmut aus?
Es gibt solche und solche. Wenn ich mir unsere Gewinner anschaue, dann gibt es zum Beispiel einen, der im Callcenter gearbeitet hat und von Anfang an sagte, dass das ein blöder Job sei. Als er das BGE gewann, kündigte er dort. Ist doch geil, oder? Bei mir zum Beispiel war es so, dass ich durch mein eigenes Grundeinkommen gemerkt habe, dass der Job, den ich davor gemacht habe gar nicht so gut zu mir gepasst hat und ich mir viele Jahre eingeredet hatte es sei das Richtige für mich. Ich hatte nicht den Mut da auszusteigen.

Gibt es Menschen, zum Beispiel in Talkshows, die euch nicht richtig ernst nehmen?
Als wir anfingen, war Grundeinkommen ein echtes Nischenthema und eher eine verrückte Idee. Es hat sich sehr verändert und nun sind wir nicht mehr die verrückten Visionäre aus der Spinnerecke. Die Reaktion ist oftmals: “wow auf Grund der Digitalisierung ist das ein ernsthaftes Thema geworden, da müssen wir jetzt echt mal drüber nachdenken”. Insofern werden wir schon ernst genommen, aber gleichzeitig ist natürlich auch klar dass das, was wir machen, keine wissenschaftlich fundierte Aussagekraft hat, sondern eher eine Diskussionsgrundlage ist.

Geht der Impuls, in die Öffentlichkeit zu treten, von euch aus, oder habt ihr viele Anfragen? 
Ich werde immer überall eingeladen und das ist auch Teil der Philosophie. Uns geht es ja um “pull” statt “push”. Es ist unsere Aufgabe, eine interessante Show zu moderieren. Wenn die interessant genug ist, dann werden wir eingeladen und die Leute registrieren sich bei Mein Grundeinkommen.

Siehst du mögliche Alternativen zum BGE? 
Kommt darauf an, was man erreichen will. Erstmal gibt es ja wahrscheinlich nicht das Grundeinkommen, es gibt ja ganz viele Auslegungen davon. Ich glaube, es gibt kein Konzept, welches so radikal und einfach ist und gleichzeitig so unbedrohlich.

Unbedrohlich deshalb, weil es bedingungslos ist?
Ja, denn wenn ich heute irgendeinen Job habe, kann ich diesen mit Grundeinkommen ja noch ganz genau so weiter machen. Ich muss nichts verändern. Ich habe zwar die starke Vermutung, das die meisten Menschen mit Grundeinkommen etwas verändern wie unsere Ergebnisse auch zeigen - dass Familien enger zusammenrücken, dass der Umgang mit Kindern und Beziehungen und auch der Konsum sich verändern. Spannend ist, das nichts davon geschehen muss, wie es bei anderen sozialpolitischen Maßnahmen ja oft der Fall ist. Da fühlt es sich leicht wie ein Einschnitt an, weil es Erwartungen daran gibt, wie die Bürger handeln müssen. Grundeinkommen gibt die Entscheidungsmacht den Menschen. Mit BGE kannst du herausfinden was du wirklich willst. Wenn man erreichen will, dass die Leute sich bestärkt fühlen und es Freiheit und Sicherheit gleichzeitig gibt, dann kenne ich kein besseres Tool als Grundeinkommen.

Danke. Könntest du den Begriff “ Bedingungslosigkeit” definieren? Denn wenn ihr bedingungslos sagt, dann denke ich an so ein Beispiel wie: jemand gewinnt das BGE, aber derjenige hat gar kein Konto. Wie geht ihr damit um? Bestimmte kleinere Bedingungen müssen dann eben doch erfüllt werden, oder?
Ja, du stellst kluge Fragen und für diese Frage bin ich dir sehr dankbar, denn auf die warte ich seit Jahren. (lächelt)

Hat diese Frage noch nie jemand gestellt?
Nein. Denn genau das ist ein Fehler der oft gemacht wird, z.B. vom hauptberuflichen Grundeinkommensnörgler Herrn Butterwegge. Es gibt einen Unterschied zwischen Bedingung und Voraussetzung. Natürlich ist es eine Voraussetzung, dass ich ein Mensch bin, irgendwo gemeldet und ein Konto habe oder was auch immer. Es gibt nichts voraussetzungsloses in der Welt. Aber bedingungslos bedeutet einfach nur, dass es egal ist was ich mit dem Geld anstelle, ich bekomme es weiterhin. Also meine Tochter würde sagen: “es ist halt nicht mehr ein Muss-Muss, sondern ein Kann-Kann.”

Sprichst du über Grundeinkommen mit deiner Tochter?
Ja, ich weiß nicht so genau ob sie das versteht, aber sie sagt sie findet es super (lacht). Anlässlich des 1. Mais haben wir ein Plakat gemalt, mit der etwas provokativen Aufschrift: “Grundeinkommen gegen den Kapitalismus im Kopf”. Viele der Wirkmechanismen der Gesellschaft haben wir so sehr verinnerlicht, dass wenn wir gegen den Kapitalismus reden, den wir alle in gewisser Weise leben, wir oft auch unser eigenes Verhalten meinen. Ich glaube ein BGE kann da im Wesenskern etwas verändern. 
Meine Tochter fragte mich: “was ist Kapitalismus?” Als ich den Versuch unternahm es ihr zu erklären, meinte sie: “ wir sind doch gar nicht gegen den Kapitalismus, sondern gegen den “Muss-Muss”. Das trifft es sehr genau finde ich (lacht). Denn, wenn ich nicht mehr muss, dann folgt die Frage: was tritt dann als Organisationsmethode anstelle des Müssens? Sind wir schon soweit, dass wir einander vertrauen können? Auf einer Basis, die sicherstellt, dass die Gesellschaft trotzdem weiter funktioniert? 
Ich meine, ganz viele Sachen die heute selbstverständlich sind, hätten wir uns vor 10-15 Jahren nicht vorstellen können. Zum Beispiel, dass man sein Zimmer über das Internet an wildfremde Leute vermietet, denn im Internet gab es ja nur Verrückte. Und jetzt? Macht es die ganze Welt. Die Menschen werden also in dieser Welt immer sicherer und lernen zu vertrauen und das Grundeinkommen ist ein ziemlich großer Sprung dabei. Vielleicht sind wir noch nicht soweit, aber ich finde wir können uns ruhig ein bisschen mehr trauen. Und deshalb machen wir das - um gemeinsam zu lernen wie weit wir vertrauen können. Das betrifft gerade das Thema Geldeinkommen, welches uns mehr berührt als wir es wollen, weil es uns mit Angst und Scham konfrontiert und mit der Frage, ob wir bereit sind, mit anderen zu teilen.

Da hast du wohl recht ...in ein paar Worten: was macht dich persönlich aus? 
Ich glaube ich bin nicht perfektionistisch, ich habe so eine lapidare Form von “ach komm, lasst es uns einfach mal ausprobieren.” Ich mag das Neue, deshalb treibe ich immer Ideen an, die aufregend sind und von denen es etwas zu lernen gibt.

Nochmal zu diesen fixen 1000 Euro. Wie bist du darauf gekommen und glaubst du, dass diese ausreichen?
Ich habe diese Summe gewählt, weil es diese Zahl schon in der Grundeinkommensdebatte gab, sie einfach zu rechnen ist und kampagnenmäßig funktioniert. Die Summe liegt über dem Existenzminimum und auch über Hartz 4. Ich finde es ja auch cool viel Geld zu bekommen und einen Teil zum Grundeinkommen dazu zu verdienen. Es ist ja auch okay sich anzustrengen um mehr zu haben.

Das ergibt Sinn! Du beziehst ja selbst ein Grundeinkommen und daraus ist die Idee von mein Grundeinkommen entstanden, oder? Kannst du uns erzählen wie du deine bisherige Lebenszeit so verbracht hast? 
(lacht) Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich selbstständig mit verschiedenen Internetprojekten, habe Internetseiten gebaut, einen Online-Shop aufgezogen und einen Sportladen gegründet. Hinzu kam ein weiterer Onlineshop und ein Social Network in 2008, welches sich mit “Träumen und Zielen” beschäftigt hat, aber leider gescheitert ist. 
Nach einem weiteren erfolglosen Versuch eine Online-Plattform zu etablieren, gründete ich vor 11 Jahren ein Startup, einen Versandhandel für Schilder, und das funktionierte! Das war eher so ein “Nebenher Ding”. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich was Neues will, bin dort ausgestiegen und habe von der Firma ein eigenes Grundeinkommen erhalten. 

Das heißt, für den Rest deines Lebens bekommst du jetzt dieses Grundeinkommen?
Nein, ich habe nicht verkauft, ich bin immer noch Mit-Inhaber und bekomme einen Teil der Gewinnausschüttung. Nicht immer, aber in dem Jahr in dem ich ausgestiegen bin, waren da so ungefähr 1000 Euro im Monat. Daher kenne ich das Grundeinkommensgefühl.

Und dann wolltest du dieses Gefühl mit anderen teilen?
Genau. Weil ich gemerkt habe, dass das bei mir so viel ausgelöst hat. Ich wollte unbedingt ausprobieren ob das anderen Menschen auch so geht ...

Herzlichen Dank für das spannende Gespräch und viel Erfolg und Freude für deine großartigen Projekte.
Wir werden unsere LeserInnen über euer Engagement auf dem Laufenden halten. 

 

Bildquelle: Michael Bohmeyer

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