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Buckelwal Timmy bewegt Millionen – während 60 Schweinswale jährlich in der Ostsee sterben

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Die Anteilnahme an Buckelwal Timmy war eine der bewegendsten Geschichten, die Deutschland in diesem Jahr erlebt hat. Ein einzelnes Tier, vor der Insel Poel gestrandet, hat Millionen Menschen berührt. Was viele dabei nicht wissen: In derselben Ostsee leben Schweinswale, die genauso unsere Aufmerksamkeit brauchen. Diese Geschichte erzählt von beiden – Timmy und den heimischen Walen, die ohne Namen als Beifang in den Netzen ertrinken.

Mit Beifang ist gemeint, was Fischer nicht fangen wollen, aber unbeabsichtigt mitfangen. Bei Schweinswalen sind es vor allem Stellnetze – feinmaschige Nylonnetze, die senkrecht im Wasser stehen und gezielt Dorsch, Hering oder Plattfisch fangen. Schweinswale orientieren sich per Echoortung, doch das dünne Netzgarn wirft kaum ein Echo zurück. Sie schwimmen hinein, verfangen sich – und ertrinken, weil sie als Lungenatmer alle paar Minuten an die Oberfläche müssen. Wer sich verfängt, kommt nicht mehr nach oben. Es ist kein schneller Tod.

Buckelwal und Schweinswal – das sind zwei sehr unterschiedliche Tiere, auch wenn beide zu den Walen gehören. Buckelwale wie Timmy sind Bartenwale, werden bis zu 15 Meter lang und mehrere Tonnen schwer. Sie leben im offenen Atlantik, wandern jährlich Tausende Kilometer zwischen tropischen Paarungsgebieten und arktischen Fressgründen und sind in deutschen Gewässern eine seltene Ausnahme – Timmys Auftauchen in der Ostsee galt von Anfang an als Verirrung. Schweinswale dagegen sind die einzige in deutschen Gewässern heimische Walart. Sie sind kleiner als ein erwachsener Mensch, gehören zu den Zahnwalen und jagen kleine Fische und Krebstiere, leben unauffällig und meist allein oder in kleinen Gruppen. Wer am Ostseestrand steht, sieht sie selten – ein kurzes Auftauchen der dunklen Rückenflosse, mehr nicht. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sie in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommen: Sie sind klein, leise, scheu, und sie haben keinen Namen.

Wie viele Schweinswale sterben in der Ostsee?

Aus dem Totfund-Monitoring des Deutschen Meeresmuseums Stralsund liegen belastbare Zahlen vor. Nach Angaben des Mecklenburg-Vorpommerschen Umweltministeriums, die im Rahmen der dpa-Berichterstattung zum Fall Timmy veröffentlicht wurden, wurden zwischen 2016 und 2024 im Durchschnitt 60 tote Schweinswale pro Jahr in Mecklenburg-Vorpommern gemeldet. 2024 waren es 34 Individuen. Bei den toten Schweinswalen aus den Jahren 2020 bis 2024, bei denen das Meeresmuseum eine Todesursache bestimmen konnte, lag der Anteil mit Beifang-Verdacht im Mittel bei rund 50 Prozent.

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen: Die Fischereiverwaltung Mecklenburg-Vorpommerns meldete für das Jahr 2025 lediglich einen einzigen toten Schweinswal, der der Fischerei zugeordnet wurde. Beifänge werden nicht flächendeckend erfasst.

Die Bestandssituation ist ernst. Nach Daten des Deutschen Meeresmuseums leben in der zentralen Ostsee nur noch rund 450 Schweinswale. Die Population gilt nach Einschätzung der Weltnaturschutzorganisation IUCN als vom Aussterben bedroht. Die Whale and Dolphin Conservation (WDC) nennt die Lage akut: Schon ein jährlicher Beifang von mehr als 0,7 Tieren ist nach ihrer Einschätzung mehr, als diese Population langfristig verkraften kann.

Das ist die Größenordnung, die hinter den Liveblog-Schlagzeilen steht.

Die zwei Erzählungen über Timmy

Anfang März 2026 wurde der Buckelwal erstmals in der westlichen Ostsee gesichtet, weit entfernt von den nordatlantischen Routen seiner Population. Wochenlang verfolgte Deutschland seine Reise – von der ersten Sichtung im Wismarer Hafen, wo er sich in einem Stellnetz verfangen hatte, über wiederholte Strandungen bei Timmendorfer Strand bis zum 29-tägigen Verharren vor der Insel Poel. Schließlich entschied sich eine private Initiative, das Tier in einer gefluteten Stahlbarge per Schlepper Richtung Nordsee zu transportieren.

Die Erzählung in den Liveblogs war eindeutig: Hoffnung, Zusammenhalt, Engagement. Eine ganze Nation drückte einem einzelnen Tier die Daumen, ARD und ZDF berichteten teils live, das Tier hatte einen Namen. Die fachliche Erzählung daneben war deutlich nüchterner und wurde seltener gehört.

Was Meeresbiologen kritisieren

Das Deutsche Meeresmuseum warnte vor dem Versuch, ein geschwächtes Tier im offenen Meer auszusetzen. Großwale suchen bei ausgeprägter Erschöpfung typischerweise flache Küstengewässer mit weichem Untergrund auf – genau das hatte Timmy in den rund 60 Tagen seiner Ostsee-Odyssee getan. Das Auswildern eines erschöpften Tieres im offenen Wasser kann dazu führen, dass es nicht mehr zum Atmen auftauchen kann und ertrinkt.

Die internationale Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) formulierte es nüchtern: Von einer Rettung könne man erst sprechen, wenn der Wal sich zurück im Nordatlantik befinde und dort langfristig überlebe.

Der Berliner Meeresbiologe und Walforscher Fabian Ritter, wissenschaftlicher Leiter des Vereins M.E.E.R. e. V. und langjähriges Mitglied im Wissenschaftsausschuss der Internationalen Walfangkommission, ordnete den Fall gegenüber der Deutschen Presse-Agentur kritisch ein: „Wir reden hier über Symptombekämpfung an einem einzelnen Tier und ich würde mir wünschen, dass wir über Ursachenbekämpfung sprechen." Stellnetze in Schutzgebieten könnten heute „ohne Weiteres gestellt werden", ergänzte Ritter – „und der zuständige Minister dafür ist Herr Backhaus." Auch Andreas Tanschus, Direktor der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, verwies darauf, dass die heimischen Schweinswale Schutz vor Lärm und vor der Stellnetzfischerei bräuchten.

Die dänische Position

Bemerkenswert war die Position des dänischen Umweltministeriums. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur teilte das Ministerium mit, dass gestrandete Meeressäuger in Dänemark grundsätzlich nicht gerettet werden. Strandungen seien ein natürliches Phänomen. Wale sollten generell nicht durch menschliches Eingreifen gerettet oder gestört werden.

Sollte Timmy nach der Auswilderung in dänischen Gewässern erneut stranden, würde das Land nicht eingreifen. Diese Position spiegelt eine andere Tradition im Umgang mit Wildtieren wider – und zeigt zugleich, in welch außergewöhnlichem Maß Deutschland sich für dieses eine Tier engagiert hat.

Warum Stellnetze für Schweinswale tödlich sind

Schweinswale orientieren sich per Echoortung. Sie senden hochfrequente Klicklaute aus und nehmen ihre Umgebung über das zurückgeworfene Echo wahr. Stellnetze bestehen aus extrem dünnem Nylongarn und werfen kaum ein Echo zurück. Die WDC beschreibt das Phänomen so: Die Tiere können das Netz akustisch nicht erkennen, schwimmen bei Ablenkung „blind" hinein. Einmal verfangen, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit – die Wale müssen zum Atmen an die Oberfläche. Schaffen sie es nicht, sich rechtzeitig zu befreien, ertrinken sie.

Die Lösungen existieren bereits. Das Bundesamt für Naturschutz, das Thünen-Institut und Naturschutzorganisationen wie WDC und WWF fordern seit Jahren ein flächendeckendes Verbot von Stellnetzen in Meeresschutzgebieten und – wo Verbote nicht möglich sind – verpflichtende akustische Warngeräte (Pinger). Effektiver noch wären alternative Fanggeräte: Fischfallen und Reusen, in die Schweinswale gar nicht erst hineingelangen. Was diese Forderungen brauchen, ist gesellschaftliche Aufmerksamkeit.

Mitgefühl, das Berge versetzt

Die Rettung Timmys wird vollständig privat finanziert. Hauptgeldgeber sind Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz und die Trabrennpferdebesitzerin Karin Walter-Mommert. Walter-Mommert formulierte gegenüber der Bild: „Die Kosten entscheidet allein der Wal und nicht wir." Der mehrtägige Schleppertransport von der Ostsee in die Nordsee wird vollständig privat getragen.

Diese Bereitschaft, für ein Lebewesen außergewöhnliche Mittel zu mobilisieren, ist eine zutiefst menschliche und ehrenwerte Eigenschaft. Was Deutschland in dieser Geschichte gezeigt hat – die Anteilnahme, die Tränen, das Mitfiebern an Hafenkais und vor Liveblogs – ist ein Beleg dafür, dass Empathie für Tiere lebendig ist. Diese Energie kann viel bewegen, wenn sie sich auch jenen Tieren zuwendet, die keinen Namen tragen.

Fabian Ritter brachte es in einem Interview mit der taz auf den Punkt: Die Aufmerksamkeit für den Buckelwal sei „eine Gelegenheit". Wer für Timmy Mitgefühl empfindet, trägt das gleiche Mitgefühl in sich, das den Schweinswalen, Robben und Seevögeln der Ostsee genauso zusteht. Ritter wörtlich: „Ich wünsche mir, dass die Aufmerksamkeit für diesen Buckelwal dazu gut ist, dass wir das sehen."

Backhaus' abgesagter Termin

Eine Beobachtung am Rande, die viel über politische Aufmerksamkeitsökonomie verrät: Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus war Mitte April mit Naturschutzverbänden und Fischereivertretern verabredet, um über den Schutz der Wale in der Ostsee zu sprechen. Diesen Termin sagte er ab und gab stattdessen eine Pressekonferenz zu Timmy. Vertreten wurde er beim Schutz-Termin durch eine Abteilungsleiterin – so der Spiegel.

Daraus muss man dem Minister keinen Vorwurf machen – die Lage war akut, und Politik folgt der Aufmerksamkeit. Aber genau hier liegt ein Hebel: Wenn die Anteilnahme nicht mit der Auswilderung endet, sondern in eine bleibende Aufmerksamkeit für die Ostsee mündet, bekommen auch die strukturellen Termine die Bühne, die sie verdienen. Die Forderungen der WDC und anderer Naturschutzorganisationen liegen seit Jahren vor: netzfreie Schutzgebiete, alternative Fanggeräte, transparentes Beifang-Monitoring. Was sie brauchen, ist gesellschaftlicher Rückenwind.

Was Verbraucher und Bürger tun können

Wer Timmys Geschichte mit Anteilnahme verfolgt hat, trägt das Mitgefühl, das es für wirksamen Naturschutz braucht. Es gibt konkrete Wege, dieses Gefühl in Hilfe zu übersetzen.

Im Verbraucherbereich gibt es einen einfachen Hebel: Fisch aus der westlichen Ostsee mit Stellnetz-Hintergrund bewusst vermeiden. Wer Ostsee-Fisch kauft, fragt gezielt nach Fisch aus alternativen Fanggeräten. Das MSC-Siegel ist dabei ein erster Anhaltspunkt, ersetzt aber nicht den genauen Blick auf die Fangmethode. Wer das größere Bild verstehen will, findet eine Einordnung in unserem Beitrag zu den Auswirkungen der Überfischung und was sich gegen sie tun lässt.

Politisch wirksam ist außerdem, beim Abgeordneten oder Umweltministerium die Umsetzung strengerer Schutzmaßnahmen einzufordern. Eine Postkarte, eine E-Mail, ein Gespräch beim Bürgerdialog – jede einzelne Stimme zählt. Auch Spenden an Naturschutzorganisationen wie WDC, NABU oder die Deutsche Wildtier Stiftung fließen in Strukturen, die das Problem konkret bearbeiten.

Häufige Fragen zu Buckelwal Timmy und Schweinswalschutz

Wann wurde Timmy in der Ostsee entdeckt?

Der Buckelwal wurde am 3. März 2026 erstmals im Hafen von Wismar gesichtet, wo er sich in einem Netz verfangen hatte. Wasserschutzpolizei und Feuerwehr befreiten ihn. Am 23. März strandete er vor Timmendorfer Strand, danach folgten weitere Strandungen, zuletzt vor der Insel Poel, wo er 29 Tage lag. Bis zur Bergung Ende April verbrachte er rund 60 Tage in der Ostsee. Sea Shepherd vermutet, dass er einem Heringsschwarm aus dem Nordatlantik in die Lübecker Bucht folgte.

Wer finanziert die Rettung von Buckelwal Timmy?

Die Rettung wird privat finanziert. Hauptgeldgeber sind Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz und die Trabrennpferdebesitzerin Karin Walter-Mommert. Die genauen Kosten sind nicht öffentlich.

Wie viele Schweinswale leben noch in der Ostsee?

Die zentrale Ostsee-Population umfasst nur noch rund 450 Tiere und gilt laut IUCN als vom Aussterben bedroht. In der westlichen Ostsee sind die Bestände größer, doch auch dort übersteigen die Beifangverluste das, was die Population langfristig verkraftet.

Was sind die größten Bedrohungen für Schweinswale?

Stellnetze sind nach übereinstimmender Einschätzung der WDC und anderer Naturschutzorganisationen die größte Bedrohung. Die Tiere können die dünnen Nylonnetze akustisch nicht wahrnehmen und ertrinken darin. Hinzu kommen Unterwasserlärm durch Schiffsverkehr und Bauarbeiten, Schadstoffe und Mikroplastik in der Ostsee und der Klimawandel mit seinen Auswirkungen auf Beutefische.

Welche Alternativen zu Stellnetzen gibt es?

Diskutiert und teils erprobt werden drei Ansätze: erstens akustische Warngeräte (Pinger) an den Stellnetzen; zweitens Netzmodifikationen wie das Perlennetz mit Acrylglas-Kugeln, an denen sich der Schall der Schweinswal-Echoortung besser bricht; drittens der Umstieg auf Fischfallen und Reusen, in die Schweinswale nicht hineingelangen.

Warum rettet Dänemark gestrandete Wale nicht?

Das dänische Umweltministerium betrachtet Strandungen als natürliches Phänomen und greift grundsätzlich nicht ein. Sollte Timmy nach der Auswilderung in dänischen Gewässern erneut stranden, würde das Land nicht eingreifen. Diese Position spiegelt eine andere ethische Tradition im Umgang mit Wildtieren wider.

Fazit: Mitgefühl, das wachsen kann

Was Timmy gezeigt hat, ist bemerkenswert: Deutschland kann mitfühlen. Eine ganze Nation hat über Wochen die Daumen gedrückt, geweint, gehofft, gespendet – für ein einziges Tier. Diese Fähigkeit ist eine Stärke. Die Frage ist nicht, ob dieses Mitgefühl gerechtfertigt war. Es war es. Die Frage ist, wem es noch geschenkt werden kann. Den Schweinswalen, die in Stellnetzen ertrinken. Den Robben und Seevögeln, die unter Wasser keine Atemluft mehr finden. Den Tieren, die keinen Namen tragen und doch dieselbe Aufmerksamkeit verdienen wie Timmy. Wenn aus dieser Geschichte mitgenommen wird, dass Mitgefühl wachsen kann – über das eine bekannte Tier hinaus zu allen, die in derselben Ostsee leben – dann hat Timmy mehr bewegt, als seine Retter erhoffen konnten.

Quellen

  • Deutsches Meeresmuseum Stralsund: Artensteckbrief Schweinswal; Totfund-Monitoring Mecklenburg-Vorpommern

  • Whale and Dolphin Conservation (WDC) Deutschland: Schweinswalschutz, Beifang-Berichterstattung

  • Deutsche Presse-Agentur, dpa-Berichterstattung April 2026 (zit. Mindener Tageblatt, wetter.com u. a.)

  • ZDFheute: Liveblog Buckelwal Timmy; Interview Fabian Ritter (Morgenmagazin, 27.04.2026)

  • taz: Interview mit Fabian Ritter

  • t-online: Liveblog und Interview Fabian Ritter

  • Tagesspiegel: Berichterstattung 28.–30.04.2026

  • Spiegel: Berichterstattung zum abgesagten Walschutz-Termin

  • Wikipedia: Timmy (Buckelwal) – Chronologie

  • Dänisches Umweltministerium, Stellungnahme an dpa

  • Business Insider: Hintergrund zu Walter Gunz und Karin Walter-Mommert

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