Für unsere Serie über grüne Naturstoffe haben wir uns mit Dr. Lena Kasimir unterhalten, einer Pharmakologin, die seit über fünfzehn Jahren zu pflanzlichen Wirkstoffen forscht. Das Gespräch fand in ihrem Büro in einer Hochschule in Süddeutschland statt und wurde für die Veröffentlichung leicht gekürzt.
Frau Kasimir, was hat Sie zur Cannabis-Forschung gebracht?
Ich bin über das Endocannabinoid-System gekommen. Das ist ein körpereigenes Regulationssystem, das in den 1990er Jahren entdeckt wurde und an erstaunlich vielen Prozessen beteiligt ist, von Schmerzverarbeitung über Schlaf bis zur Immunfunktion. Cannabis war historisch das erste Forschungsobjekt, das auf dieses System wirkte. Dass eine Pflanze, die der Mensch seit Jahrtausenden nutzt, plötzlich ein neues Kapitel der Pharmakologie aufgeschlagen hat, fand ich faszinierend.
CBD ist heute fast ein Modewort. Was ist es genau?
Cannabidiol, ein Wirkstoff aus der Hanfpflanze, der im Gegensatz zu THC nicht psychoaktiv wirkt. Es bindet anders an die Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems und scheint eine eher modulierende Funktion zu haben. In Studien zeigt CBD entzündungshemmende, angstlösende und teilweise auch krampflösende Effekte. Es gibt ein zugelassenes Medikament für seltene Epilepsieformen bei Kindern, Epidiolex, das auf reinem CBD basiert.
Wie zuverlässig sind diese Studienergebnisse?
Es gibt belastbare Evidenz für bestimmte Indikationen, gerade Epilepsie. Bei anderen Anwendungen ist die Studienlage noch dünner, oft mit kleinen Probandenzahlen oder kurzen Beobachtungszeiträumen. Das heißt nicht, dass die beobachteten Effekte nicht real sind, sondern dass die Forschung noch nicht überall am Ziel ist. Was wir aber wissen, ist, dass CBD ein vergleichsweise gutes Sicherheitsprofil hat. Die WHO hat in einem Report 2017 festgehalten, dass keine Abhängigkeit oder schwere Nebenwirkungen bei sachgemäßer Anwendung dokumentiert sind.
Was sind die häufigsten Anwendungsbereiche?
Im klinischen Bereich, wie gesagt, Epilepsie. Im Off-Label-Gebrauch und in der Selbstanwendung berichten Menschen von Hilfe bei chronischen Schmerzen, bei Schlafstörungen, bei Angstsymptomen, bei entzündlichen Hauterkrankungen. Was davon gut belegt ist und was eher Placebo-Effekt sein könnte, klärt sich gerade in größeren Studien. Wichtig ist: CBD ersetzt keine ärztliche Diagnose und Behandlung.
Wir hören oft von CBD-haltigem Öl. Wie kommt das zustande?
Das Öl wird aus speziellen Hanfsorten gewonnen, die züchterisch so entwickelt wurden, dass sie viel CBD und nur Spuren von THC enthalten. Wer den Anbau selbst probieren möchte, was in Deutschland seit der Gesetzesänderung legal ist, kann auf CBD Hanfsamen zurückgreifen. Es gibt heute Sorten mit CBD-Anteilen von zehn Prozent und mehr, bei THC-Werten deutlich unter einem Prozent.
Bedeutet das, dass jeder unbedenklich anbauen kann?
Aus pharmakologischer Sicht ist CBD wenig problematisch. Aus rechtlicher Sicht muss man die jeweils gültigen Gesetze prüfen. In Deutschland ist der Eigenanbau von bis zu drei Pflanzen für Erwachsene seit April 2024 erlaubt, wobei die Pflanzen vor dem Zugriff durch Minderjährige geschützt werden müssen. Das gilt für CBD-Sorten genauso wie für THC-Sorten.
Wie unterscheiden sich CBD-reiche Sorten von klassischen Cannabis-Sorten?
In der Optik kaum. Die Pflanze sieht ähnlich aus, blüht ähnlich, riecht ähnlich. Der Unterschied liegt im chemischen Profil der Blüten. Wer CBD anbauen möchte, sollte gezielt nach entsprechenden Sorten suchen. Die Sortenbezeichnung allein reicht aber nicht. Seriöse Anbieter geben die Cannabinoid-Profile detailliert an. Wenn jemand mit kleinem Budget einsteigen möchte, finden sich auch Günstige Hanfsamen in akzeptabler Qualität. Der Preis korreliert nicht immer mit der Genetik, sondern oft mit Marketing und Markenbildung.
Welche Forschungsfragen sind aktuell am spannendsten?
Mich beschäftigt die Kombination verschiedener Cannabinoide. Der sogenannte Entourage-Effekt besagt, dass Vollspektrum-Extrakte mit allen Begleitstoffen oft besser wirken als isoliertes CBD. Das ist noch nicht in allen Punkten verstanden, aber es deutet sich an, dass die Pflanze als Ganzes mehr ist als die Summe ihrer Einzelkomponenten. Auch die Terpene, also die Aromastoffe, scheinen eine eigene pharmakologische Rolle zu spielen.
Was würden Sie jemandem raten, der sich für das Thema interessiert?
Vorsicht vor Heilsversprechen und vor allen Quellen, die mit hundertprozentigen Garantien werben. Cannabis und CBD sind keine Wundermittel, sondern Stoffe mit spezifischen Wirkungen, Indikationen und Grenzen. Wer sich informieren möchte, findet seriöse Quellen bei der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, bei wissenschaftlichen Datenbanken wie PubMed oder bei den Webseiten der forschenden Universitätskliniken. Und wer eigene Erfahrungen sammeln möchte, sollte langsam beginnen, gut dokumentieren und im Zweifel mit dem Hausarzt sprechen.
Wie sehen Sie die Entwicklung der nächsten fünf Jahre?
Ich bin verhalten optimistisch. Mit der Cannabis-Reform in Deutschland und den klinischen Studien an mehreren Universitäten entsteht ein Forschungsumfeld, das in den vergangenen Jahrzehnten nicht möglich war. Ich erwarte, dass wir in den kommenden Jahren belastbare Daten zu mehreren Indikationen bekommen werden, insbesondere zu chronischen Schmerzen und zu Angststörungen. Gleichzeitig hoffe ich, dass die öffentliche Diskussion sachlicher wird. Wir brauchen weder pauschale Verherrlichung noch pauschale Dämonisierung, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung mit Wirkungen, Risiken und Anwendungsfeldern.
Eine letzte Frage zu Ihrer eigenen Arbeit: Was treibt Sie an?
Die Pflanze selbst ist faszinierend. Eine Spezies, die der Mensch seit Jahrtausenden nutzt und die uns immer noch neue Forschungsfragen stellt. Das gibt es nicht oft. Wenn ich morgens ins Labor gehe und an einer Cannabinoid-Frage arbeite, an deren Antwort vor einer Generation Wissenschaftler ebenfalls gearbeitet haben, fühle ich mich in eine lange Tradition gestellt. Das motiviert mich, sorgfältig zu arbeiten.
Frau Kasimir, vielen Dank für das Gespräch.
Gern geschehen.