Glyphosat: Wie gefährlich es wirklich ist und warum der Einsatz von Glyphosat unser aller Problem ist
Rund 770.000 Tonnen Glyphosat werden jedes Jahr weltweit auf Felder gesprüht – allein in Deutschland landet das Totalherbizid auf rund 37 Prozent aller Ackerflächen. Glyphosat ist damit das meistverkaufte Pestizid hierzulande, gleichzeitig bei 99,6 Prozent der untersuchten Deutschen im Urin nachweisbar und seit der Wiederzulassung bis 2033 fester Bestandteil unserer Lebensmittelkette. Dieser Artikel zeigt, wie Glyphosat wirkt, warum die Politik den Ausstieg verfehlt hat und was Verbraucher konkret tun können.
Glyphosat in Zahlen: Worum es hier wirklich geht
Die EU-Kommission hat die Zulassung von Glyphosat im November 2023 um zehn Jahre verlängert – der Wirkstoff ist damit bis zum 15. Dezember 2033 europaweit genehmigt.
In Deutschland kommen glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel auf rund 37 Prozent aller Ackerflächen mindestens einmal pro Jahr zum Einsatz.
Glyphosat wurde 1950 in der Schweiz entwickelt und 1974 von Monsanto unter dem Markennamen Roundup als Herbizid auf den Markt gebracht.
Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO stuft Glyphosat seit 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" (Gruppe 2A) ein, während EFSA, ECHA und das deutsche BfR zur gegenteiligen Einschätzung kommen.
Eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung wies Glyphosat-Rückstände im Urin von 99,6 Prozent der untersuchten Deutschen nach, eine BUND-Studie bei 70 Prozent.
Der gesetzliche Rückstandshöchstgehalt für Glyphosat in Getreide liegt bei bis zu 20 Milligramm pro Kilogramm – Hülsenfrüchte wie Linsen dürfen ähnliche Mengen enthalten.
Glyphosat – Wirkstoff, Funktionsweise und Geschichte des chemischen Totalherbizids
Glyphosat ist ein nicht-selektives Totalherbizid – das bedeutet: Der Wirkstoff Glyphosat tötet praktisch jede grüne Pflanze ab, auf die er gesprüht wird. Entwickelt wurde der chemische Wirkstoff 1950 in der Schweiz, doch erst Monsanto erkannte 1974 das herbizide Potenzial und brachte das Mittel unter dem Markennamen Roundup auf den Markt. Seitdem hat kein Pflanzenschutzmittel die Landwirtschaft so stark verändert.
Glyphosat blockiert ein Enzym namens EPSPS, das ausschließlich in Pflanzen und einigen Mikroorganismen vorkommt. Ohne dieses Enzym können Pflanzen drei lebensnotwendige Aminosäuren nicht mehr bilden – und sterben innerhalb weniger Tage ab. Genau diese Wirkungsweise machte den Wirkstoff zum agrochemischen Erfolg: Ein Mittel gegen alles Grüne, einfach in der Anwendung, vergleichsweise günstig. Heute werden weltweit etwa 770.000 Tonnen Glyphosat pro Jahr eingesetzt. Glyphosat ist in messbaren Mengen in praktisch allen konventionell erzeugten pflanzlichen Grundnahrungsmitteln nachweisbar – von Getreide über Hülsenfrüchte bis zu Rapsöl.
Auf greenya.de, Deutschlands Plattform für nachhaltiges Leben seit 1997, fällt seit Jahren ein Muster auf: Wer als Verbraucher gezielt nach „glyphosatfrei" sucht, findet das Label selten direkt. Hersteller, die ohne Glyphosat arbeiten, kommunizieren das fast immer über das EU-Bio-Siegel, Demeter, Bioland oder Naturland – nicht über eine explizite „glyphosatfrei"-Auslobung. Wer als Verbraucher Glyphosat aus dem eigenen Einkaufskorb halten will, hält sich deshalb am verlässlichsten an diese Bio-Zertifikate, nicht an Eigenwerbung einzelner Marken.
Der Patentschutz ist seit den 1990er Jahren abgelaufen. Neben Bayer (das Monsanto 2018 übernommen hat) produzieren heute auch Syngenta, ADAMA, UPL, Nufarm sowie zahlreiche chinesische Hersteller wie Zhejiang Xinan Chemical glyphosathaltige Herbizide. Allein dieser Marktmechanismus macht ein nationales Anwendungsverbot von Glyphosat zunehmend schwierig – ein Ausstieg bedeutet weltweit verschobene Lieferketten, nicht das Ende des Wirkstoffs.
Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft: Vorsaat, Sikkation, GVO-Sorten
Der Einsatz von Glyphosat in der modernen Landwirtschaft erfolgt typischerweise in drei Anwendungsphasen: zur Vorsaat-Behandlung von Ackerflächen, zur sogenannten Sikkation kurz vor der Ernte und zur Behandlung gentechnisch veränderter Pflanzen, die gegen den Wirkstoff resistent gemacht wurden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bestätigt: Glyphosathaltige Herbizide sind das mit Abstand meistverwendete Pflanzenschutzmittel in Deutschland. Die Anwendung von Glyphosat unterscheidet sich dabei je nach Kultur, Saison und Bewirtschaftungssystem deutlich.
Die Vorsaat-Anwendung ersetzt häufig den mechanischen Pflug. Bauern besprühen das Feld nach der vorherigen Ernte mit Glyphosat, lassen alles absterben und sähen direkt in die abgestorbene Pflanzendecke. Das spart Diesel, schützt den Boden vor Erosion und reduziert CO₂-Emissionen aus dem aufgepflügten Boden – ein Argument, das Bayer und der Deutsche Bauernverband regelmäßig anführen. Wissenschaftlich ist diese Bodenschutz-Bilanz nicht falsch, aber sie blendet aus, was auf der Fläche oberhalb der Erde passiert. Auch auf Grünland kommt das Unkrautvernichtungsmittel zum Einsatz – etwa zur Erneuerung von Wiesenflächen, eine in der Praxis besonders umstrittene Verwendung von Glyphosat.
Bei der Sikkation – auch Spätanwendung genannt – wird Glyphosat kurz vor der Ernte auf das noch nicht vollständig reife Getreide gesprüht. Das tötet die Pflanzen ab und sorgt für eine gleichmäßige Abreife. Vor allem bei Hafer, Gerste, Roggen und Hülsenfrüchten kam diese Methode jahrelang routinemäßig zum Einsatz. Genau hier liegt das größte Verbraucherproblem: Wer kurz vor der Ernte spritzt, dessen Wirkstoff landet messbar im Endprodukt – im Brot, im Müsli, im Bier. Auch der Einsatz von Herbiziden zur Unkrautbekämpfung auf Stoppelfeldern fällt unter diese Kategorie.
Auf gentechnisch veränderten Pflanzen – sogenannten „Roundup-Ready"-Sorten – kann Glyphosat während des gesamten Wachstums versprüht werden, ohne die Kulturpflanze zu schädigen. Solche gentechnisch veränderte Pflanzen sind Standard in der nord- und südamerikanischen Landwirtschaft. Die Anwendung von Herbiziden auf solchen Sorten ist in den USA, Brasilien und Argentinien Standard. In der EU ist der Anbau solcher gentechnisch veränderten Pflanzen weitgehend verboten, aber Soja-Importe, die mit Glyphosat behandelt wurden, landen über Futtermittel auf deutschen Tellern – als Fleisch, Milch und Eier. Wer regionale Bio-Lebensmittel kauft, wird also auch glyphosathaltigen Produkten weniger ausgesetzt sein.
Glyphosat in Deutschland: Wie die Politik den Ausstieg verfehlte
Glyphosat darf in Deutschland seit der EU-Wiederzulassung von 2023 weiter eingesetzt werden, obwohl die damalige Bundesregierung aus CDU und SPD im Februar 2021 in der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung ein nationales Verbot ab dem 1. Januar 2024 festgeschrieben hatte. Die Europäische Kommission verlängerte am 28. November 2023 die EU-Zulassung des Wirkstoffs Glyphosat um zehn Jahre – bis zum 15. Dezember 2033. Das deutsche Anwendungsverbot von Glyphosat wurde damit europarechtswidrig. Eine eigenständige nationale Risikobewertung von Glyphosat reicht auf EU-Ebene nicht aus, um ein Verbot durchzusetzen.
Das EU-Genehmigungsverfahren begann 2019, als acht Hersteller als „Glyphosate Renewal Group" einen Antrag auf erneute Zulassung stellten. Vier EU-Mitgliedstaaten – Frankreich, Niederlande, Schweden und Ungarn – erstellten den Bewertungsbericht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) bewerteten den Wirkstoff – beide kamen zum Schluss: keine kritische Gefahr, allerdings „keine eindeutigen Schlussfolgerungen" zu Risiken für die Artenvielfalt und Risiken für Wasserpflanzen, wo die EFSA Datenlücken einräumte. Auf dieser Grundlage entschied die EU-Kommission die Verlängerung der Zulassung im Alleingang, nachdem die Mitgliedstaaten keine qualifizierte Mehrheit fanden. Deutschland enthielt sich. Die damalige Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP hatte intern keine gemeinsame Haltung gefunden.
In Deutschland gilt seit 2024 ein eingeschränktes Anwendungsregime für Glyphosat: Der Wirkstoff darf weiter eingesetzt werden, allerdings mit verschärften Auflagen. Die Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung schreibt unter anderem einen Mindestabstand von fünf Metern zu Gewässern vor. Im Privatgarten ist der Einsatz für Hobbyanwender seit 2024 stark eingeschränkt, und das Bundesministerium hat die Anwendungsbeschränkungen langfristig verschärft, um die Verwendung zu reduzieren. Auf öffentlichen Flächen wie Spielplätzen, Parks und Schulen ist die Anwendung in den meisten Kommunen verboten. Im professionellen Ackerbau bleibt Glyphosat aber eines der meistgenutzten Pflanzenschutzmittel überhaupt – ein Unkrautvernichter Glyphosat-basierter Bauart steht weiter in jedem zweiten Pflanzenschutz-Schrank deutscher Landwirte.
Wie gefährlich ist Glyphosat wirklich? Der Streit um das Krebsrisiko
Beim Krebsrisiko von Glyphosat steht die wissenschaftliche Bewertung gespalten gegenüber: Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO stuft den Wirkstoff seit 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" (Gruppe 2A) ein, während die europäischen Behörden EFSA, ECHA und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zur gegenteiligen Einschätzung kommen. Diese Diskrepanz prägt die Debatte bis heute.
Die IARC-Einstufung von 2015 basierte auf Tierstudien, mechanistischen Untersuchungen zur Genotoxizität und epidemiologischen Daten zu landwirtschaftlichen Anwendern, die ein erhöhtes Non-Hodgkin-Lymphom-Risiko zeigten. EFSA, ECHA und BfR bewerteten dieselben Datenlagen und kamen zum Schluss: Glyphosat sei nicht als krebserregend, mutagen oder reproduktionstoxisch einzustufen. Beide Lager arbeiten wissenschaftlich, gewichten die Studientypen aber unterschiedlich – ein methodischer Konflikt mit weitreichenden Folgen.
Die Diskrepanz zwischen IARC und EU-Behörden hat in den USA seit 2016 eine Klagewelle ausgelöst, in deren Folge Bayer-Monsanto Vergleichszahlungen in zweistelliger Milliardenhöhe leistete. Im Juni 2025 veröffentlichte das Ramazzini-Institut in Bologna gemeinsam mit Forschenden aus neun weiteren Einrichtungen eine umfangreiche Langzeit-Tierstudie in der Fachzeitschrift Environmental Health: Rund 900 Ratten wurden ab der Embryonalphase über bis zu zwei Jahre mit Glyphosat sowie den Formulierungen Roundup Bioflow und RangerPro behandelt – auch in Dosen, die unterhalb der behördlich als sicher geltenden Grenzwerte lagen. Ergebnis: Erhöhtes Auftreten gut- und bösartiger Tumore, erhöhte Sterblichkeit. Die EU-Kommission hat EFSA und ECHA daraufhin beauftragt, die Rohdaten einer wissenschaftlichen Bewertung zu unterziehen.
Im Dezember 2025 wurde zudem bekannt, dass eine 25 Jahre alte Studie, auf die sich Behörden weltweit bei der Glyphosat-Bewertung lange gestützt hatten, wegen unzureichend offengelegter Monsanto-Beteiligung zurückgezogen wurde. Sie zählte zu den 0,1 Prozent der meistzitierten Studien zu Glyphosat. Bayer wies die Kritik zurück, betont aber unverändert die Sicherheit des Wirkstoffs. Die Faktenlage ist also nicht einfach „Behörden gegen Aktivisten" – sondern eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit zwei konkurrierenden Bewertungsschulen, in der die kritische Seite zuletzt deutlich aufholte.
Für Verbraucher heißt das: Eine endgültige Aussage zum Krebsrisiko ist auch 2026 nicht möglich. Aber: Die Hinweise auf Gefahren für die Gesundheit von Mensch und Tier häufen sich, und das Vorsorgeprinzip – ein Grundpfeiler der europäischen Umweltpolitik – würde eine deutlich strengere Regulierung der Auswirkungen von Glyphosat rechtfertigen, als sie derzeit besteht. Bei der Bewertung darf nicht vergessen werden: Dass Glyphosat in praktisch allen Pflanzenschutzmitteln dieser Wirkstoffklasse enthalten ist, macht die individuelle Exposition für Konsumenten kaum vermeidbar.
Auswirkungen auf Biodiversität, biologische Vielfalt und Insekten
Glyphosat ist nach Einschätzung von Umweltbundesamt (UBA) und Bundesamt für Naturschutz (BfN) eine der zentralen Ursachen für den Rückgang der biologischen Vielfalt in deutschen Agrarlandschaften. Glyphosathaltige Herbizide vernichten gezielt sämtliche Ackerwildkräuter und entziehen damit Insekten, Feldvögeln und Kleinsäugern die Nahrungsgrundlage. Aus genau diesem Grund hat das UBA eine Wiedergenehmigung von Glyphosat abgelehnt.
Konkret betroffen sind Mohn, Kornblume, Klatschmohn, Hederich, Kamille und Hunderte weitere Ackerwildkräuter-Arten, die früher zu jedem konventionellen Feld gehörten. Das Julius-Kühn-Institut (JKI) verglich 2021 floristische Vielfalt auf nie behandelten, ökologisch bewirtschafteten und konventionellen Flächen. Das Verhältnis lag bei 100 zu 53 zu 3 – auf konventionellen Flächen also nur drei Prozent der Pflanzenvielfalt unbelasteter Flächen. Die viel zitierte Studie aus dem Krefelder Entomologischen Verein (Hallmann et al. 2017) wies über 27 Jahre einen Rückgang der Fluginsekten-Biomasse um mehr als 75 Prozent in deutschen Schutzgebieten nach – die intensive Landwirtschaft mit ihrem hohen Pestizideinsatz gilt als Hauptursache.
Eine 2023 in der Fachzeitschrift „Science of the Total Environment" veröffentlichte Studie der ETH Zürich und des Bundesamts für Naturschutz (BfN) zeigte zudem erstmals einen direkten Schaden: Florfliegenlarven, die Roundup über die Nahrung aufnahmen, entwickelten sich nicht weiter und starben – bereits bei Konzentrationen unterhalb der zugelassenen Spritzmenge. Bislang ging die Zulassungspraxis davon aus, dass Glyphosat Insekten nur indirekt schadet. Diese Annahme ist widerlegt. Aus Sicht des BfN besteht „weiterer dringender Forschungsbedarf".
Warum auch die Wertschöpfungskette der Bestäubung betroffen ist
Etwa ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion hängt von Bestäubern ab. Für Deutschland beziffert die Universität Hohenheim den Wert bestäubungsabhängiger Produktion auf rund 1,13 Milliarden Euro jährlich. Wenn Glyphosat die Pflanzenvielfalt auf 50 Prozent der deutschen Landesfläche – Agrarlandschaften – reduziert, schädigt das nicht nur die Natur, sondern die Grundlage der eigenen landwirtschaftlichen Wertschöpfung.
Glyphosat-resistente Unkräuter: das Eigentor
Weltweit sind bereits über 50 Unkrautarten dokumentiert, die durch jahrelange Glyphosat-Anwendung gegen Glyphosat resistent geworden sind. Landwirte reagieren auf glyphosat resistente Unkräuter mit höheren Dosen oder zusätzlichen Wirkstoffen – die Pestizid-Spirale dreht sich weiter, und das ursprüngliche Argument für Glyphosat als „bestes Mittel" verliert mit jedem Jahr an Substanz.
Was bedeutet das für Lebensmittel und meine Gesundheit?
Glyphosat ist in deutschen Lebensmitteln nachweisbar – und gleichzeitig sind die meisten gemessenen Werte deutlich unter den gesetzlichen Höchstgehalten. Beide Aussagen sind wahr, und beide sind irreführend, wenn man sie für sich allein nimmt. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) etwa fand in Gerste-Proben Maximalwerte von 0,12 mg/kg – Faktor 166 unter dem Höchstgehalt von 20 mg/kg. Das CVUA Stuttgart kommt für Obst und Gemüse auf eine Detektionsquote von 0,45 Prozent.
Bei Getreide und Hülsenfrüchten zeigt sich ein anderes Bild als bei Obst und Gemüse: Das CVUA Stuttgart fand in 16 von 521 Getreide-Proben (3 Prozent) Glyphosatrückstände, in 1,7 Prozent davon über dem gesetzlichen Höchstgehalt. Ökotest fand 2022 in 12 von 50 getesteten Bieren Glyphosat. Eine ARD-Markt-Stichprobe bei 21 Getreide-Produkten fand in sieben Glyphosat-Spuren, darunter etablierte Marken bei Müsli, Haferflocken und Brot. Sämtliche untersuchten Bio-Produkte waren glyphosatfrei.
Das Umweltbundesamt hat in einer Langzeit-Untersuchung von Urinproben über 15 Jahre eine deutliche Anreicherung von Glyphosat im Körper deutscher Probanden festgestellt. Die Heinrich-Böll-Stiftung fand in einer 2016 veröffentlichten Studie bei 99,6 Prozent der untersuchten Deutschen Glyphosat-Rückstände im Urin, eine BUND-Studie wies entsprechende Spuren bei 70 Prozent der Probanden nach. Glyphosat ist damit im menschlichen Körper deutscher Konsumenten praktisch flächendeckend nachweisbar. Damit wurde Glyphosat nachgewiesen in einem Umfang, der über alle früheren Annahmen zur Belastung der deutschen Bevölkerung hinausgeht. Wer das Gesamtbild zu Glyphosat sieht, erkennt das Ausmaß der Alltagsbelastung. Selbst der höchste gemessene Wert lag um den Faktor 1.000 unter der von der EFSA als vertretbar eingestuften Tagesdosis. Diese „sichere Tagesdosis" gilt allerdings nur, wenn Glyphosat tatsächlich nicht krebserregend ist – was genau der Streitpunkt zwischen IARC und EU-Behörden ist. Im Alltag deutscher Verbraucher steckt Glyphosat mehr drin, als die offiziellen Statistiken zur Lebensmittelbelastung vermuten lassen.
Worauf du als Verbraucher konkret achten kannst
Wer die persönliche Glyphosat-Belastung reduzieren möchte, hat im Alltag mehrere Hebel. Bio-zertifizierte Lebensmittel nach EU-Bio-VO 2018/848 sind glyphosatfrei – sämtliche von Ökotest und ARD-Markt getesteten Bio-Produkte zeigten keine Rückstände. Das Bio-Siegel garantiert, dass kein chemisch-synthetischer Inhaltsstoff von Herbiziden bei der Erzeugung eingesetzt werden darf. Besonders relevant sind Bio-Produkte bei: Getreide (Brot, Müsli, Haferflocken, Mehl), Hülsenfrüchten (Linsen, Kichererbsen, Bohnen), Bier und Wein, Rapsöl und tierischen Produkten aus Mast mit importiertem GVO-Soja. Bei Obst und Gemüse aus EU-Anbau ist die Belastung dagegen statistisch sehr gering.
Alternativen zu Glyphosat: Was funktioniert wirklich?
Alternativen zu Glyphosat existieren – sie sind aber teurer, arbeitsintensiver und nicht in jedem Anwendungsfall ein gleichwertiger Ersatz. Das Julius-Kühn-Institut formuliert es nüchtern: Aktuell gibt es kein Herbizid auf dem Markt, das ähnlich wirksam wie Glyphosat und gleichzeitig weniger umweltschädlich wäre. Der Weg aus der Glyphosat-Abhängigkeit führt deshalb nicht über einen anderen chemischen Wirkstoff, sondern über veränderte Anbausysteme.
Der mechanische Pflug ist die naheliegende Alternative zum Glyphosat-Einsatz, hat aber eigene Schattenseiten: höherer Dieselverbrauch, CO₂-Freisetzung aus dem Boden und stärkere Erosionsgefahr. Der Einsatz anderer Herbizide statt Glyphosat ist ebenfalls keine echte Lösung – andere chemische Wirkstoffe haben oft eigene, teilweise schwerwiegendere Umweltprobleme. Die Antwort liegt deshalb meist in einer Kombination: reduzierte Bodenbearbeitung mit Striegel, Hacke und Scharhacke, kombiniert mit weiter gefassten Fruchtfolgen, Zwischenfrüchten als Unkraut-Unterdrückung und mechanischem Aufstecken besonders hartnäckiger Beikräuter. Im ökologischen Ackerbau funktioniert genau das seit Jahrzehnten – mit etwas geringeren Hektarerträgen, aber stabiler Bodengesundheit.
Auf öffentlichen Flächen und im Privatgarten ist Glyphosat schon heute weitgehend verzichtbar. Hochdruck-Heißwasser-Geräte, Abflammgeräte, mechanische Unkrautbekämpfung und Mulchen mit Holzhäcksel oder Rindenmulch sind in fast allen Anwendungsfällen ausreichend, um Wege und Beete unkrautfrei zu halten. Mehr als 500 deutsche Kommunen haben sich bereits zu glyphosatfreien Gemeinden erklärt. Im Hausgarten erübrigt sich die Frage „Welcher Unkrautvernichter mit Glyphosat?" mit ein paar Quadratmetern Beobachtungsbereitschaft und gutem Mulch nahezu vollständig. Wer den eigenen Garten zusätzlich bienenfreundlich gestaltet, schafft genau die Lebensräume zurück, die Glyphosat auf den umliegenden Ackerflächen vernichtet.
Häufige Fragen zu Glyphosat
Die folgenden Fragen tauchen in unseren Recherchen immer wieder auf – hier die wichtigsten Antworten in kompakter Form.
Wann läuft die Zulassung von Glyphosat aus?
Die aktuelle EU-Zulassung für Glyphosat wurde am 28. November 2023 von der EU-Kommission um zehn Jahre verlängert. Die Wirkstoff-Genehmigung gilt damit bis zum 15. Dezember 2033. Einzelne EU-Mitgliedstaaten können den Einsatz von Glyphosat national einschränken – ein vollständiges nationales Verbot ist europarechtlich aber nur schwer durchsetzbar. Umweltorganisationen haben den „Great Glyphosate Court Case" gestartet und bereiten eine Klage gegen die Wiederzulassung vor.
Darf ich Glyphosat im Privatgarten verwenden?
Für nicht-professionelle Anwender ist Glyphosat im Klein- und Hausgarten in Deutschland seit 2024 stark eingeschränkt. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat die Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung gezielt verschärft, um die Verwendung im Privatbereich zu reduzieren. Auf öffentlichen Flächen wie Spielplätzen, Schulen und in Wasserschutzgebieten ist der Einsatz weitgehend verboten.
In welchen Lebensmitteln findet man Glyphosat am häufigsten?
Die höchste Belastung in Deutschland wird in Getreide-Produkten gemessen, vor allem bei konventionellem Hafer, Roggen, Gerste und Weizen sowie daraus hergestellten Lebensmitteln wie Brot, Müsli, Mehl und Haferflocken. Auch Bier und Hülsenfrüchte wie Linsen können belastet sein. Ökotest fand laut eigenen Angaben 2022 in 12 von 50 getesteten Bieren Glyphosat. Bio-Produkte nach EU-Bio-VO 2018/848 sind nach allen vorliegenden Stichproben glyphosatfrei.
Ist Glyphosat krebserregend?
Die wissenschaftliche Bewertung ist uneinheitlich. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO stuft Glyphosat seit 2015 als „wahrscheinlich krebserregend" (Gruppe 2A) ein. EFSA, ECHA und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kommen zur gegenteiligen Einschätzung. Eine Langzeit-Tierstudie des Ramazzini-Instituts aus Juni 2025 bestätigt erhöhte Tumorraten bei Ratten – auch bei Dosen unterhalb der behördlich als sicher geltenden Grenzwerte.
Warum gibt es noch immer kein Verbot von Glyphosat?
Ein nationales Anwendungsverbot von Glyphosat ist seit der EU-Verlängerung 2023 europarechtswidrig. Die EU-Kommission stützte ihre Entscheidung auf die Bewertungen von EFSA und ECHA und entschied im Alleingang, nachdem die Mitgliedstaaten keine qualifizierte Mehrheit fanden. Deutschland enthielt sich – die Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP hatte intern keine gemeinsame Haltung. Die EU-Kommission ist verpflichtet, neue Studien wie die Ramazzini-Daten zu prüfen.
Die besten Alternativen zu Glyphosat im Garten
Im Privatgarten reichen mechanische Methoden in nahezu allen Fällen aus: Hand-Jäten, Fugenkratzer, Schar- und Pendelhacke, Hochdruck-Heißwasser-Geräte oder Abflammgeräte für Pflasterfugen. Mulchen mit Rindenmulch, Holzhäckseln oder Stroh unterdrückt Unkraut auf Beeten zuverlässig. Bei größeren Flächen helfen Bodendecker-Pflanzen, dichte Begrünung und Fruchtwechsel. Chemische Unkrautvernichter sind im Hausgarten praktisch immer entbehrlich.
Fazit: Glyphosat ist mehr als nur ein Pflanzenschutzmittel
Glyphosat hat über drei Jahrzehnte die konventionelle Landwirtschaft effizienter gemacht, doch die ökologischen und gesundheitlichen Kosten sind erheblich: Insekten, Feldvögel, Ackerwildkräuter, Wasserlebewesen und – nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft mit guten Gründen – möglicherweise auch die menschliche Gesundheit. Das Vorsorgeprinzip der europäischen Umweltpolitik würde eine deutlich strengere Regulierung rechtfertigen, als die EU-Zulassung bis 2033 sie vorsieht. Verbraucher haben jeden Tag drei konkrete Hebel: bio-zertifizierte Grundnahrungsmittel kaufen, im eigenen Garten konsequent auf Glyphosat verzichten, und politische Initiativen für strengere Pestizid-Regeln unterstützen. Je mehr Menschen Glyphosat aus dem eigenen Einkaufskorb nehmen, desto stärker ändert sich auch der Markt. Wer dauerhaft weniger Glyphosat aufnehmen will, sollte vor allem bei Getreide-Grundnahrungsmitteln zu Bio greifen – diese Lebensmittel dürfen kein Glyphosat enthalten. Anbieter, die ihre gesamte Wertschöpfungskette glyphosatfrei dokumentieren, finden sich im Verzeichnis von greenya.de.
Quellen und weiterführende Informationen
Bundeszentrale für politische Bildung (2024): EU verlängert Glyphosat-Genehmigung. bpb.de
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2024): Überblick zum EU-Genehmigungsverfahren zu Glyphosat. bmleh.de
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Fragen und Antworten zur unterschiedlichen Einschätzung der krebserzeugenden Wirkung von Glyphosat. bfr.bund.de
Bundesamt für Naturschutz (2023): Glyphosat-Herbizid kann Insekten direkt schädigen. bfn.de
CVUA Stuttgart: Glyphosat in Obst und Gemüse. ua-bw.de
EFSA – Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: Glyphosat. efsa.europa.eu
Heinrich-Böll-Stiftung (2022): Pestizidatlas – Bedrohte Vielfalt. boell.de
Ramazzini-Institut Bologna et al. (2025): Glyphosat-Langzeitstudie. Environmental Health, BMC.
Umweltbundesamt: Glyphosat-Schritt zurück beim Schutz der biologischen Vielfalt. umweltbundesamt.de
Verbraucherzentrale Hamburg: Glyphosat – immer noch nicht verboten. vzhh.de