Biodiversität im Einkaufskorb: Welche Lebensmittel wirklich zur Artenvielfalt beitragen – und wie du sie erkennst
Was bedeutet Biodiversität überhaupt?
Biodiversität umfasst drei Ebenen: die Artenvielfalt (zum Beispiel Insekten, Pflanzen und Tiere), die genetische Vielfalt (zum Beispiel alte Sorten wie Einkorn oder Boskoop) und die Ökosystemvielfalt (zum Beispiel Wiesen, Wälder und Gewässer).
Warum das relevant ist, zeigen zwei Befunde besonders deutlich: Rund 75 % der globalen Nutzpflanzen sind zumindest teilweise von Bestäubern abhängig (IPBES, 2016). Gleichzeitig sind laut Weltbiodiversitätsrat bis zu 1 Million Arten vom Aussterben bedroht (IPBES, 2019). Kurz gesagt: Biodiversität ist die Grundlage unseres Ernährungssystems – und sie steht massiv unter Druck.
Warum ist Biodiversität beim Einkaufen schwer zu erkennen?
Im Supermarkt fehlt bisher ein klares Orientierungssystem: Es gibt kein einheitliches Biodiversitätslabel, die Auswirkungen hängen stark von Anbau, Region und Lieferkette ab, und Biodiversität ist schwerer messbar als zum Beispiel CO₂.
Forschung zeigt, dass Biodiversitätswirkungen entlang von Lieferketten methodisch komplex sind und bislang nicht standardisiert erfasst werden (Marques et al., 2023). Für dich heißt das: Du musst aktuell mit „informierten Näherungen" arbeiten – also anhand von Anbauformen und Produktarten entscheiden.
Was bestehende Labels leisten – und wo ihre Grenzen liegen
Labels sind hilfreich, aber sie zeigen Biodiversität meist nur indirekt. Bio-Siegel wie das EU-Bio-Siegel garantieren den Verzicht auf synthetische Pestizide und sorgen im Schnitt für rund 30 % mehr Artenvielfalt auf den Flächen (Tuck et al., 2014) – eine explizite Biodiversitätsmessung leisten sie aber nicht. Anbauverbände wie Naturland oder Bioland legen einen stärkeren Fokus auf Kreislaufwirtschaft und Habitatstrukturen und schreiben teilweise konkrete Biodiversitätsmaßnahmen vor. Fairtrade und die Rainforest Alliance kombinieren soziale Standards mit Umweltkriterien und fördern beispielsweise den Schattenanbau bei Kaffee.
Das Fazit: Labels sind ein guter Startpunkt – aber kein direkter Biodiversitätsnachweis.
5 Lebensmittelkategorien mit nachweisbarer Biodiversitätswirkung
1. Kaffee & Kakao aus Agroforstsystemen
In schattigen Kaffee-Systemen aus Agroforstwirtschaft können bis zu 60 bis 90 % der Waldarten erhalten bleiben (Perfecto & Vandermeer, 2015). Gleichzeitig führt diese Anbauform zu einem geringeren Pestizideinsatz und einer besseren Bodenstruktur. Wer beim Einkauf darauf achten möchte, hält am besten Ausschau nach Begriffen wie „Agroforst", „Shade-grown" oder dem Siegel der „Rainforest Alliance".
2. Streuobst & alte Sorten
Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas und beherbergen allein in Deutschland über 5.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten (NABU, o.J.). Okay, ich habe jetzt alles fertig. Ich habe den Artikel jetzt online gestellt und will jetzt an die Dame schreiben, dass er jetzt online ist und sie gerne mal drüber schauen kann, ob alles so okay ist. www.greenya.com Auch alte Sorten leisten einen wichtigen Beitrag: Sie erhöhen die genetische Vielfalt und damit die Resilienz unseres Ernährungssystems. Konkrete Beispiele für Produkte aus diesem Bereich sind Streuobst-Apfelsaft sowie Erzeugnisse aus alten Getreidesorten wie Emmer und Einkorn.
3. Diversifizierte Landwirtschaft (Mischkulturen)
Diversifizierte Anbausysteme können Erträge stabilisieren und gleichzeitig die Biodiversität erhöhen (Tamburini et al., 2020) – mehr Struktur auf der Fläche bedeutet schlicht mehr Lebensräume. Beim Einkauf erkennst du solche Systeme häufig an kleinstrukturierten, regionalen Produkten oder an expliziten Hinweisen auf Mischkultur und vielfältige Fruchtfolgen.
4. Pflanzliche Lebensmittel als Flächenhebel
Tierhaltung nutzt rund 77 % der globalen Agrarfläche, liefert aber nur etwa 18 % der Kalorien (Poore & Nemecek, 2018). Eine Reduktion tierischer Produkte ist damit einer der effektivsten Hebel für Biodiversität, die uns als Konsument:innen zur Verfügung stehen. Konkret heißt das: mehr Hülsenfrüchte einbauen, pflanzliche Alternativen ausprobieren und Fleisch bewusster konsumieren.
5. Lebensmittelverschwendung reduzieren (oft unterschätzt!)
Ein entscheidender, aber oft übersehener Faktor ist die Lebensmittelverschwendung. Rund 30 bis 40 % aller Lebensmittel gehen global verloren oder werden verschwendet (FAO, 2021) – und diese Verschwendung bedeutet auch unnötig genutzte Flächen und damit unnötigen Biodiversitätsverlust. Für dich heißt das ganz praktisch: bewusster einkaufen, Reste verwerten und die Haltbarkeit von Lebensmitteln richtig einschätzen. Der Effekt ist einfach: Weniger Verschwendung bedeutet weniger Produktionsdruck – und damit mehr Raum für Natur.
Konkrete Orientierung im Supermarkt
Da es kein einheitliches Label gibt, helfen einige evidenzbasierte Faustregeln. Bevorzugen solltest du vielfältige Anbausysteme wie Agroforst und Streuobst, pflanzliche Lebensmittel sowie Produkte mit glaubwürdigen Nachhaltigkeitslabels. Konkrete Begriffe, auf die sich der Blick lohnt, sind „Agroforst", „Streuobst", „alte Sorten" und „Weidehaltung". Vermeiden solltest du tendenziell stark verarbeitete Produkte mit intransparenten Lieferketten sowie Produkte aus intensiven Monokulturen.
Fazit: Kleine Entscheidungen, große Wirkung
Die Wissenschaft ist eindeutig: Biodiversität hängt stark davon ab, wie Lebensmittel produziert werden, einige Produktkategorien sind klar besser als andere, und Konsumentscheidungen beeinflussen das Angebot messbar. Was noch fehlt, ist Sichtbarkeit im Handel. Bis dahin gilt: Du musst nicht perfekt einkaufen – aber bewusster einkaufen macht einen Unterschied.
Häufige Fragen zur Biodiversität im Einkaufskorb
Was bedeutet Biodiversität?
Biodiversität umfasst drei Ebenen: die Artenvielfalt (zum Beispiel Insekten, Pflanzen und Tiere), die genetische Vielfalt (zum Beispiel alte Sorten wie Einkorn oder Boskoop) und die Ökosystemvielfalt (zum Beispiel Wiesen, Wälder und Gewässer). Sie ist die Grundlage unseres Ernährungssystems – rund 75 % der globalen Nutzpflanzen sind zumindest teilweise von Bestäubern abhängig (IPBES, 2016).
Welche Lebensmittel fördern die Biodiversität am stärksten?
Fünf Kategorien haben eine nachweisbare Biodiversitätswirkung: Kaffee und Kakao aus Agroforstsystemen, Streuobst und alte Sorten, Produkte aus diversifizierter Landwirtschaft mit Mischkulturen, pflanzliche Lebensmittel sowie der bewusste Umgang mit Lebensmitteln, um Verschwendung zu reduzieren.
Reicht ein Bio-Siegel als Hinweis auf Biodiversität?
Bio-Siegel sind ein guter Startpunkt, aber kein direkter Biodiversitätsnachweis. Bio-Flächen weisen im Schnitt rund 30 % mehr Artenvielfalt auf als konventionell bewirtschaftete (Tuck et al., 2014), eine explizite Biodiversitätsmessung leisten Bio-Siegel aber nicht.
Warum sind Streuobstwiesen so wichtig für die Artenvielfalt?
Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas und beherbergen allein in Deutschland über 5.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten (NABU, o.J.). Wer Streuobst-Apfelsaft oder Produkte aus alten Sorten kauft, unterstützt diesen Lebensraum direkt.
Wie wirkt sich der Verzicht auf tierische Produkte auf die Biodiversität aus?
Tierhaltung nutzt rund 77 % der globalen Agrarfläche, liefert aber nur etwa 18 % der Kalorien (Poore & Nemecek, 2018). Eine Reduktion tierischer Produkte ist damit einer der effektivsten Hebel für Biodiversität, die uns als Konsument:innen zur Verfügung stehen.
Welche Rolle spielt Lebensmittelverschwendung für die Biodiversität?
Rund 30 bis 40 % aller Lebensmittel gehen global verloren oder werden verschwendet (FAO, 2021). Das bedeutet auch unnötig genutzte Flächen und damit unnötigen Biodiversitätsverlust. Weniger Verschwendung bedeutet weniger Produktionsdruck – und damit mehr Raum für Natur.
Quellen
Food and Agriculture Organization of the United Nations (2021). Global food losses and food waste – Extent, causes and prevention. FAO.
Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (2016). The assessment report on pollinators, pollination and food production. IPBES.
Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (2019). Global assessment report on biodiversity and ecosystem services. IPBES.
Marques, A., Verones, F., Kok, M. T. J., & Pereira, H. M. (2023). Measuring biodiversity footprints of consumption: Current state and future directions. Journal of Industrial Ecology, 27(2), 389–401. https://doi.org/10.1111/jiec.13317
NABU (Naturschutzbund Deutschland) (o.J.). Streuobst – Tradition und blühendes Leben. https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/streuobst/
Perfecto, I., & Vandermeer, J. (2015). Coffee agroecology: A new approach to understanding agricultural biodiversity, ecosystem services and sustainable development. Routledge.
Poore, J., & Nemecek, T. (2018). Reducing food's environmental impacts through producers and consumers. Science, 360(6392), 987–992. https://doi.org/10.1126/science.aaq0216
Tamburini, G., Bommarco, R., Kleijn, D., van der Putten, W. H., & Marini, L. (2020). Agricultural diversification promotes multiple ecosystem services without compromising yield. Science Advances, 6(45), eaba1715. https://doi.org/10.1126/sciadv.aba1715
Tuck, S. L., Winqvist, C., Mota, F., Ahnström, J., Turnbull, L. A., & Bengtsson, J. (2014). Land-use intensity and the effects of organic farming on biodiversity: A hierarchical meta-analysis. Journal of Applied Ecology, 51(3), 746–755. https://doi.org/10.1111/1365-2664.12219
Über das Forschungsprojekt BiodivRegio
Das Forschungsprojekt BiodivRegio untersucht, wie Biodiversität stärker in Lebensmittelwertschöpfungsketten integriert werden kann – vom Acker bis ins Supermarktregal. Die Forschenden analysieren bestehende Lieferketten, bewerten deren Auswirkungen auf die biologische Vielfalt und entwickeln Ansätze, die ökologisch wirksam und wirtschaftlich tragfähig sind.
Ein wichtiger Teil des Projekts findet direkt auf dem Feld statt: In Versuchen werden beispielsweise Mischkulturen wie Mais und Bohnen angebaut oder Blühstreifen und Untersaaten getestet. Solche Anbaumethoden schaffen Lebensräume für Insekten, verbessern die Bodenqualität und tragen zur Förderung von Biodiversität bei.
Langfristig soll Biodiversität für Verbraucher:innen greifbarer gemacht werden, damit Konsumentscheidungen den Schutz der Artenvielfalt stärker berücksichtigen können.
Kofinanzierung: Europäische Union und Land Baden-Württemberg
Projektpartner: HfWU Nürtingen-Geislingen, DHBW Mannheim, Universität Hohenheim
Autor:innen
Dr. Alexandra Advani — Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt BiodivRegio. Hintergrund in Handel und International Management, mehrjährige Erfahrung im E-Commerce. Im Projekt arbeitet sie an der Schnittstelle von Konsumentenverhalten, Kommunikation und der verständlichen Aufbereitung von Biodiversitätswirkungen im Handel.
Prof. Dr. Alexander Hennig — Professor für Volkswirtschaftslehre und Leiter der Studienrichtungen Digital Commerce Management und Handelsmanagement an der DHBW Mannheim. Bringt im Projekt Expertise zur Transformation von Märkten und digitalen Handelsstrukturen ein.
Prof. Dr. Marc-Daniel Moessinger — Professor für Volkswirtschaftslehre und Leiter der Studienrichtungen Digital Commerce Management und Handelsmanagement an der DHBW Mannheim. Verbindet im Projekt volkswirtschaftliche Fragestellungen mit der Praxis des Handels.
Prof. Dr. Christian Vranckx — Professor für Wirtschaftsrecht und Leiter der Studienrichtungen Digital Commerce Management und Handelsmanagement an der DHBW Mannheim. Beschäftigt sich im Kontext von BiodivRegio insbesondere mit den regulatorischen Rahmenbedingungen.